Verraten

Verraten und verkauft: Grit Poppes „Verraten“

Grit Poppes Roman „Verraten“ zeichnet ein beklemmendes Bild davon, wie perfide die Stasi bei der Zwangsrekrutierung von Jugendlichen vorging und welche traumatisierenden Auswirkungen die Tätigkeit als IM auf diese Jugendlichen hatte.

Ostberlin 1986: Nach dem Tod der Mutter findet sich der 16-jährige Sebastian von heute auf morgen in einem Jugendheim wieder. Seine Großmutter kann sich nicht um ihn kümmern, sein Vater hat die Familie Jahre zuvor verlassen. Das Jugendheim ist weit von einer fürsorglichen Einrichtung entfernt. Das Heim gleicht einem Gefängnis, physische und psychische Misshandlungen sind alltäglich. Sebastian kommt aus dieser Hölle nur frei, weil ein Betreuer seinen Vater ausfindig macht, der ihn bei sich aufnimmt. Doch dann kontaktiert ein Stasi-Offizier Sebastian in der Schule und nötigt ihn, seinen Vater und seine Klassenkameraden zu bespitzeln. Prekär ist die Gesamtlage zudem, weil Sebastian Katja, die aus dem Heim geflohen ist, bei sich versteckt.

Ohne Schnörkel wird die Handlung alternierend aus der Sicht Katjas und Sebastians erzählt. Leider sorgt das für Längenund setzt einen zweiten Schwerpunkt in dem Roman, nämlich die unmenschlichen Zustände in den Jugendheimen und -werkhöfen der DDR. Katja und Sebastian eint die Angst vor dem Heim. Mit Blick auf Sebastian hat diese Angst vor allem deswegen Bedeutung, weil der Führungsoffizier sie immer wieder als Druckmittel nutzt. Sicherlich erhöht die Angst um Katja den Druck auf Sebastian, eigentlich wäre diese zusätzliche Dramatisierung durch die Figur Katjas aber gar nicht von Nöten. Die eindrückliche Schilderung der Situation in den Heimen aus Sebastians Perspektive reichen, um die Not und das Dilemma der Figur nachzuvollziehen. Ferner gerät dadurch das eigentliche Thema des Romans ein wenig in den Hintergrund.

Trotzdem lohnt sich der Roman, allein, um zu verstehen, wie Menschen durch psychischen Druck und Manipulation dazu gebracht werden, andere auszuspionieren und zu denunzieren. Dabei wird vermieden, Sebastian pauschal die Opferrolle zuzusschreiben, denn es gibt auch Situationen, in denen Sebastian sich bei dem Führungsoffizier gut aufgehoben fühlt und er die Macht, die er plötzlich durch den Schutz der Stasi hat, aus Rache ausspielt. Dennoch bleibt die Sympathie immer bei dem jugendlichen Verräter, denn es ist auch klar, dass er gegen den übermächtigen Staatsapparat nur bedingt etwas ausrichten kann. Er selber wird von denen, die ihn eigentlich von Amts wegen schützen müssen, verraten und verkauft.
Für eine Klassenlektüre ist dieser Roman sicherlich zu lang, in Auszügen sei er den Kolleginnen und Kollegen ab der 9. Klasse als Paradebeispiel ans Herz gelegt. In eine Schulbibliothek gehört er allemal.

Weitere Rezensionen zu dem Buch bzw. zu vergleichbaren Titeln finden Sie in der Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien unter www.ajum.de.

Grit Poppe: Verraten. Hamburg: Dressler Verlag, 2020. Ab 14 Jahre.

© Dressler

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