Sein eigenes Ding machen – Johannes Herwigs Scherbenhelden

Wer Johannes Herwigs neuen Jugendroman Scherbenhelden als reines Zeitzeugnis der frühen Nachwende-Jahre liest, tut dem Roman Unrecht. Es geht um so viel mehr als um Aufbruch und Neubeginn in einem neuen politischen System. Identitätsfindung und Selbstbestimmung spielen ebenso sehr eine Rolle wie die Ausgrenzung aus der Gesellschaft, die erste große Liebe und ein (nur zum Teil ausgetragener) Konflikt zwischen Eltern und Kind.

Nino lebt mit seinem Vater in Leipzig, die Mutter ist im Sommer vor dem Mauerfall – wie so viele andere – in den Westen geflüchtet. Mehr durch Zufall lernen Nino und Max, sein bester Freund, im Stadtpark eine Gruppe von Punkern kennen. Für Max ist es nur ein kurzes Intermezzo, Nino aber freundet sich mit den Punks an und verliebt sich in ein Mädchen aus der Gruppe. Er verändert sein Äußeres, trinkt, kifft, klaut, pöbelt, kurz: Er macht sich die Attitüde der Punks zu eigen. Auf den Punkt bringt die der Punker Kante: „Ich scheiß auf das, was morgen ist.“ Dass das Leben als Punk nicht nur Spaß macht, erkennt Nino, als er massive Ablehnung durch andere erfährt. Im besten Fall begrenzt sich diese auf feindseliges Beäugen und verbale Ausfälle durch Otto Normalverbraucher, im schlechtesten wird er von Neonazis durch die Stadt gejagt und verprügelt.

Zwischen all den Trinkgelagen wird aber deutlich, dass Nino seine Zukunft so gar nicht egal ist. Herwig gelingt es besonders, die Orientierungs- und Ziellosigkeit seines Protagonisten zu vermitteln. Dieses authentische Moment des Romans schlägt die Brücke zu heutigen Jugendlichen, spricht sie an und ermöglicht ihnen ein Probehandeln.

Ja, der Roman ist auch ein Zeitzeugnis der Nachwende-Jahre: Herwig, der selber als Jugendlicher Punk war, verarbeitet hier Erlebnisse aus erster Hand. Die Wende ist fünf Jahre her. Es gibt die Orientierungslosen, die sich nicht im neuen System zurechtfinden. Es gibt die Gewinner, die mit der Ahnungslosigkeit der Ostdeutschen und/ oder durch windige Geschäfte reich geworden sind. Und es gibt die wirtschaftlichen Verlierer, einer davon Ninos Vater. Der ist selbstständiger Schuhmacher, dem aber die Kunden fehlen. Stattdessen sitzt er deprimiert in seiner Werkstatt, trauert seiner Frau hinterher und wartet auf den großen Knall.

Der Vater nimmt Ninos Verwandlung besorgt und meistens schweigend hin. Zunächst scheint es, als lasse er seinem Sohn die Freiheit, sich zu entfalten und sich frei zu verorten – im Gegensatz zu Max Eltern, die ihrem Sohn Vorschriften bis hin zum Kleidungsstil machen und ihm letztendlich den Umgang mit Nino verbieten. Tatsächlich müssten Vater und Sohn über viel sprechen, aber die Gespräche ergehen sich in Belanglosigkeiten. Die Hilflosigkeit auf beiden Seiten ist manchmal kaum auszuhalten, wohl auch, weil Nino so dringend jemanden braucht, der ihm Orientierung gibt. So aber bietet der Vater für den Sohn nur eine Erkenntnis, nämlich dass er so nicht werden will.

Nein, der Roman ist nicht nur gut. Ein großer Kritikpunkt sind die vielen Neologismen und Sprachbilder zur Veranschaulichung des Beschriebenen. In Maßen eingesetzt sind die Stilmittel wunderbar, aber hier hat es Herwig etwas zu gut gemeint. Auch die vielen Schilderungen der Trinkgelage und der sich anschließenden Kopfschmerzen sind ein wenig drüber, passen aber insgesamt ins Bild. Eines sind aber beide Kritikpunkte nicht: ein Grund, den Roman nicht zu lesen. Dafür ist der zu gut und zu wertvoll.

Weitere Rezensionen zu dem Buch bzw. zu vergleichbaren Titeln finden Sie in der Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien unter www.ajum.de.

Herwig, Johannes: Scherbenhelden. Hildesheim: Gerstenberg Verlag, 2020. Ab 14 Jahre.

© Gerstenberg

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