„Sehen“: ein außergewöhnliches Sachbilderbuch

Wer hätte gedacht, dass die Welt des Sehens so viele Aspekte umfasst? Von der Entwicklungsgeschichte der Menschheit aus betrachtet wurde das Sehen erst zu dem Zeitpunkt ermöglicht, als es Licht auf der Welt gab. Jeder neugeborene Mensch muss erst lernen zu sehen. Babys sehen die Welt noch verschwommen und unscharf. Jeder Mensch kann hunderttausende unterschiedliche Farbnuancen unterscheiden. Farben haben auch Einfluss auf Gefühle. Mit einem Spiegel können Menschen sich selbst sehen, auch wenn ein Spiegel keinen Blick in das Innere des Menschen bietet. Dadurch, dass wir das Minenspiel eines Menschen sehen und deuten können, wird wiederum gegenseitiges Verständnis erst ermöglicht. Für Menschen, bei denen das Sehen eingeschränkt ist, wurde mit der Brille ein entsprechendes Hilfsmittel erfunden; für Blinde gibt es GPS-Geräte, Assistenzhunde oder die Brailleschrift, um die fehlende Sehfähigkeit auszugleichen. Mit Hilfe der Fantasie können Menschen Dinge sehen, die Künstlerinnen und Künstler dann wiederum in Form von Bildern für andere Menschen sichtbar machen.

Das auch vom Haptischen sehr angenehm und künstlerisch gestaltete Sachbilderbuch greift alle diese Aspekte auf und stellt sie mit Illustrationen und wenigen Sätzen jeweils auf einer Doppelseite übersichtlich dar. Dabei ist das Layout sehr luftig gehalten, Illustrationen und Text sind sorgfältig ausgewählt und auf den Punkt gebracht. Wichtige Fachbegriffe werden erklärt. Die farbliche Gestaltung vorwiegend in gelb-blau-ocker-Tönen und das Verhältnis von Text und Bild sind sehr ausgewogen, so dass jede Doppelseite ein in sich geschlossenes Einzelkunstwerk darstellt, dessen Betrachtung ein ästhetischer Genuss ist. Dabei übernimmt das leuchtende Neon-Orange auf dem Umschlag eine Signalwirkung, die sich durch das ganze Buch zieht. Der Text ist nicht nur sehr informativ, sondern regt mit den auf jeder Seite im unteren Bereich befindlichen Statements eine persönliche Auseinandersetzung an: „Ich suche Schönheit und finde sie selbst in ganz alltäglichen Dingen.“. Diese Aussagen gehen über die rein biologische Sehfähigkeit hinaus und sprechen eine geistige und emotionale Ebene an. Die Gestaltung motiviert zu eigenen kreativen, erfahrungsorientierten und sinnlichen Aktivitäten: Ratespiele zu „Welches Tier sieht was?“, seinen eigenen Namen in Brailleschrift schreiben, eine Brille basteln, Zeichen/Symbole entschlüsseln, Mienenspiele deuten, ein Kunstmuseum besuchen und einen Zugang zu Ästhetik bekommen oder einfach die am Ende des Sachbuchs befindliche Liste „Was man gesehen haben sollte“ abarbeiten. Ein sehr empfehlenswerter Titel, der in vielen Unterrichtsfächern eine Bereicherung sein kann: Biologie, Physik, Kunst und Deutsch.

Romana Romanyschyn und Adrij Lessiw: Sehen. Hildesheim: Gerstenberg 2021. Ab 8 Jahre.

© Gerstenberg

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