LeYo! Mein großer Märchenschatz

"Mein großer Märchenschatz" aus der seit letztem Herbst erscheinenden LeYo!-Reihe lässt Grimms Märchen auf eine neue Art und Weise lebendig werden: Neben dem eher knapp gefassten Text und den Illustrationen sind ‚hinter‘ den Bildern weitere kleine Szenen, Lieder oder Kommentare versteckt, die die Geschichten mit Leben füllen. Dargestellt werden die acht Märchen Rotkäppchen, Rapunzel, Hänsel und Gretel, Schneewittchen, Aschenputtel, Das tapfere Schneiderlein, Rumpelstilzchen und die Bremer Stadtmusikanten. Jedes von ihnen ist jeweils auf eine Doppelseite begrenzt und enthält im unteren Drittel den Text, darüber den Inhalt der Geschichte in markanten Szenen, anhand derer das Märchen auch wunderbar nacherzählt werden kann. Zum Selberlesen für Leseanfänger ist der Text allerdings weniger geeignet.

Zusatzelemente

Die zusätzlichen Elemente erschließen sich durch eine App, die kostenlos heruntergeladen werden kann. Dazu öffnet man das entsprechende Buch in der App und kann über die Kamerafunktion von Smartphone oder Tablet (im Test ein 7-Zoll-Tablet) einzelne Elemente auf der Doppelseite sehen, die optisch hervorgehoben sind. Es werden ähnlich wie bei Ravensburgers tiptoi-Stift Ebenen wie Sehen, Hören oder Erleben unterschieden, d.h. in einer Ebene kann man hauptsächlich Geräusche aktivieren, in einer anderen schaut man buchstäblich in das Bild hinein und sieht einen Fuchs hinter einem Busch stehen oder die Großmutter im Bauch des Wolfes liegen. Hier sind auch einige humorvolle Elemente versteckt, die sicherlich nicht essentiell für die Geschichte sind, aber sie dennoch auflockern und auf das größere Potential solch einer Buch-App-Kombination hindeuten. In einer dritten Ebene kann man sich nicht nur den gedruckten Text vorlesen, sondern auch anhand der Szenenabfolge die Geschichte erzählen lassen, wobei die Erzählung sowohl ausführlicher als auch lebendiger gestaltet ist. Inhaltlich bietet "Mein großer Märchenschatz" daher eine kompakte, mit einigen Zusatzelementen angereicherte Darstellung der wohl bekanntesten Grimms Märchen, obwohl die Möglichkeiten der App bei weitem nicht ausgeschöpft sind.

Handhabung

Das große Minus der LeYo!-Reihe liegt allerdings ausgerechnet in dem, was sie so besonders machen könnte (oder vielmehr sollte), nämlich der Kombination mit dem Smartphone oder Tablet. Während die Idee inhaltlich stark an die Hörstifte tiptoi oder TING erinnert und die Zusatzelemente einen ähnlichen Mehrwert bieten, erscheint ihre Umsetzung wenig ausgereift. Die App erkennt die entsprechenden Seiten und ihre jeweiligen Elemente zwar einigermaßen schnell. Allerdings ist es schon für einen Erwachsenen nicht gerade einfach, diese Elemente genau und lange genug zu fokussieren, um sie einwandfrei abzuspielen. Sobald man ein wenig wackelt und versehentlich ein benachbartes Element trifft, stoppt der Text oder das Geräusch und es beginnt das nächste. Um ebendies zu verhindern, ist zwar ein Puffer von einigen Sekunden eingebaut, allerdings ist es hier fraglich, ob kleine Kinder – der Verlag empfiehlt den Märchenschatz ab 4 Jahren – die nötige Geduld und die ruhige Hand besitzen, darauf zu warten, dass etwas passiert. Da man fast permanent damit beschäftigt ist, das Gerät ruhig zu halten, schaut man zudem kaum noch ins Buch, sondern nur noch auf das Gerät.

Fazit

Aus diesem Grund drängt sich der Eindruck auf, dass Carlsen vielleicht besser beraten gewesen wäre, LeYo! als reine App zu konzipieren. Dagegen sprechen aus Verlagssicht sicherlich vielfältige Gründe: Zum Einen ist da der Preis der Bücher, denn mit Apps lässt sich in der Regel noch immer deutlich weniger Geld verdienen. Zum Anderen können mit der Kombination aus Buch und App vielleicht auch Eltern erreicht werden, die Apps noch skeptisch gegenüber stehen und die mit dieser Variante sanft an das digitale Kinderbuch herangeführt werden. Die meisten Eltern (und Kinder!) werden aber wohl auch in Zukunft nicht auf das klassische Buch verzichten wollen. Da jedoch gleichzeitig Smartphones und Tablets ohnehin in nahezu allen Haushalten vorhanden sind, ist anzunehmen, dass das Konzept der Verbindung von Buch und App in Zukunft häufiger aufgegriffen wird und in der weiteren Entwicklung derzeitige Kinderkrankheiten wie die schwierige Bedienung behoben werden.

Ingmar Wendland, Nina Dulleck: LeYo! Mein großer Märchenschatz. Hamburg: Carlsen, 2014. Ab 5 Jahren.

Cover: Carlsen

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