Leben in einer anderen Daseinsebene – „Keine halbe Sachen“

Plötzlich passt alles nicht mehr zusammen: Der Körper verändert sich, die eigene Wahrnehmung der Welt ebenso. So richtig weiß man nicht, wo man hingehört, und wer man ist, weiß man schon gar nicht. Das ist sie, die Pubertät! Auch Robin, der Protagonist in Antje Herdens Jugendroman „Keine halbe Sachen“, hat das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören und nicht vollständig zu sein. Ständig scheint ihm etwas zu fehlen. Das ändert sich, als er Leo kennenlernt. Leo, der so anders ist als Robin, füllt dessen innere Leere. Sehr schnell verleitet Leo Robin zum Schwänzen und bringt ihn mit Drogen in Kontakt. Zunächst hat Robin noch ein schlechtes Gewissen, aber das erhebende Gefühl des Rausches ist letztendlich erstrebenswerter als die nüchterne Orientierungslosigkeit. Auch Karla, in die sich Robin verliebt, ist dem ungehemmten Drogenkonsum nicht abgeneigt. Alkohol, Haschisch, Speed, Ecstasy und LSD – die Jugendlichen lassen fast nichts aus. Vom Früh- bis zum Spätsommer erleben Leo, Robin und Karla eine berauschte Zeit, bis es fast zu spät ist.

Antje Herden lässt ihren Protagonisten Robin auf gerade mal 135 Seiten rückblickend die Ereignisse des Sommers schildern. Erzähltechnisch baut Herden von Beginn an Spannung auf, indem sie Robin seine Erinnerungen direkt an Leo richten lässt. Leserinnen und Leser suchen reflexartig nach einem Grund dafür. Ist Leo tot? Oder verschwunden? Erst ganz am Ende erhält die Leserschaft eine Antwort auf ihre Vermutungen. Und die ist – so viel sei vorweggenommen – überraschend. Die konsequente Umsetzung der Perspektive eines 15-Jährigen gereicht dem Roman zum Vorteil: Trotz der nüchternen Sprache gehen die Beschreibungen der Rauschzustände aus erster Hand unter die Haut, entwickeln sich teilweise zu einem wahren Horrortrip. Dass Robin nur selten und dann eher nebenbei kritische Töne gegenüber seinem Drogenkonsum und den entsprechenden Begleitumständen anschlägt, verleiht dem Roman zudem Glaubwürdigkeit und Authentizität. Es überrascht nicht, dass dieser lesenswerte Jugendroman für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2020 nominiert ist.

Antje Herden: Keine halben Sachen. Weinheim: Beltz, 2019.Ab 14 Jahren

© Cover: Beltz

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