Ein Streich und seine Folgen: Bus 57

Dashka Slaters „Bus 57“

Die Buslinie 57 dient sowohl Sasha als auch Richard als Transportmittel zur Schule und nach Hause. Beide Jugendliche besuchen unterschiedliche Schulen: Sasha eine Privatschule, Richard eine öffentliche. Täglich kreuzen sich ihre Wege, ohne dass sie sich dessen bewusst sind. Was dann folgt, ist keine Liebesgeschichte à la Romeo und Julia: Eines Tages zündet Richard Sashas Rock an. Sasha erleidet schwere Verbrennungen an beiden Beinen und muss in der Folge mehrmals operiert werden. Der Heilungsprozess dauert Monate. Richard wird verhaftet und der besonders schweren Körperverletzung und eines Hassverbrechens angeklagt. Denn Sasha identifiziert sich als agender, sieht sich selber also weder als männlich noch als weiblich an. Aufgrund der Schwere des Verbrechens wird Richard vor Gericht wie ein Erwachsener behandelt und nicht nach dem Jugendstrafrecht be- und verurteilt.

Dasha Slater hat sich diese Geschichte nicht ausgedacht, sie ist wirklich passiert. Über mehrere Monate beobachtete Slater den Gerichtsprozess, interviewte Angehörige, Freunde und Lehrinnen und Lehrer des Täters und des Opfers. Auch mit Sasha und Richard sprach sie. Auf der Basis ihrer Aufzeichnungen schrieb sie zunächst einen Artikel für die „New York Times“. Aus dem Artikel erwuchs dann der für den Deutschen Jugendliteraturpreis sowohl von der Jugend- als auch Erwachsenenjury  nominierte Dokumentarroman „Bus 57“.

Konsequent im Stil einer Sozialreportage gehalten, stellt die Autorin der Leserschaft zunächst Sasha und Richard vor, schildert dann den Angriff und seine Folgen. Dabei bedient sie sich durchgängig einer Sprache, die für Jugendliche gut zu verstehen ist. Ergänzt werden die Beobachtungen und Beschreibungen durch zahlreiche Hintergrundinformationen: Slater erklärt zum Beispiel, warum und wann Jugendliche in vielen US-amerikanischen Bundesstaaten nach Erwachsenenstrafrecht angeklagt werden können. Auch die verschiedenen Möglichkeiten, die eigene Geschlechtsidentität und Sexualität zu beschreiben, wird knapp, klar und verständlich erläutert. Dadurch wird „Bus 57“ zu einem äußerst informativen Buch.

Das größte Verdienst Slaters ist jedoch, dass sie das insbesondere in den Medien inszenierte Schwarz-Weiß-Bild aufweicht und zahlreiche Schattierungen hinzufügt, ohne die Tat Richards und die Folgen zu verharmlosen. Natürlich wäre es einfacher, wenn Richard als homophober und krimineller Afro-Amerikaner abgetan werden könnte. Aber nur selten entspricht ein so einfaches Erklärungsmuster der Wahrheit. Slater ergänzt das Bild vom „bösen schwarzen Mann“ nicht nur mit der freundlichen Seite Richards, sondern auch um die Gewalterfahrungen, die Richard bereits seit früher Kindheit in seinem Viertel gemacht hat und die ihn entsprechend prägten. Dem entgegen setzt sie den Schmerz Sashas und die Fassungs- und Hilflosigkeit der Familie wegen der Tat. Insgesamt entsteht dadurch eine deutlich facettenreichere Darstellung der Ereignisse und der Protagonisten.

Gewöhnungsbedürftig könnte für einige Leserinnen und Lesern die Verwendung der Pronomen im Zusammenhang mit Sasha sein, da es im Deutschen keine Möglichkeit der agenderen Ausdrucksweise gibt. Hier bedient sich die Übersetzerin eines cleveren Kunstgriffs, indem sie die vorhandenen Pronomen zusammenzieht. So entsteht etwa aus „sie“ und „er“ „sier“. Anfänglich mag das hinderlich sein, mit der Zeit gewöhnt man sich aber an die Formulierungen. Mit Blick auf die (jugendliche) Leserschaft regen sie idealerweise auch dazu an, sich über Möglichkeiten der geschlechtsneutralen Sprache auszutauschen. Was sie nicht sind: ein Hinderungsgrund für die Lektüre dieses Romans!

„Bus 57“ eignet sich trotz des Umfangs (immerhin 400 Seiten) auch als Klassenlektüre ab Jahrgang 9 und kann für den fächerübergreifenden Unterricht (Deutsch/ Politik/Ethik) genutzt werden.

Dashka Slater: Bus 57. Bindlach: Loewe, 2019. Ab 14 Jahren.

Copyright: Loewe Verlag

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