Brüder im Zwist: Philippe Collins und Sébastian Goethals Graphic Novel „Das Spiel der Brüder Werner“

Andreas und Konrad Werner, zwei Kriegswaisen, schlagen sich nach dem Krieg alleine durch. Als Konrad 1953 dabei erwischt wird, wie er in einem geplünderten Laden nach Nahrung sucht, nutzt die Staatssicherheit die Situation und rekrutiert zunächst den älteren Bruder, später dann auch den jüngeren. Die Brüder Werner machen schnell Karriere und werden immer wieder für Aufträge angeheuert. 1962 trennen sich ihre Wege, denn der ältere Bruder, Konrad, wird mit einem besonderen Auftrag in den Westen geschickt. Erst zwölf Jahre später sehen sich Andreas und Konrad bei dem deutsch-deutschen Fußballduell in Hamburg wieder. Beide sind im Auftrag der Stasi für die jeweilige Nationalmannschaft tätig. Konrad soll im westdeutschen Team durch kleine und große Intrigen für Unruhe sorgen und so die Mannschaft von innen heraus schwächen. Andreas hingegen bespitzelt die ostdeutschen Spieler, damit keiner von ihnen sich während des Aufenthalts absetzt. Während Konrad trotz seines langen Aufenthalts in Westdeutschland nach wie vor ein überzeugter Sozialist ist, kommen Andreas immer wieder Zweifel. Letztendlich beschließt er, in Hamburg zu bleiben, und bittet seinen Bruder um Hilfe. Womit er nicht rechnet, ist Konrads Verrat.

Die in Schwarz-Weiß- und Sepiatönen gehaltene Graphic Novel liest sich ausgesprochen spannend. Das liegt vor allem an der profunden Bedeutung des Spiels zwischen der BRD und der DDR: Hier geht es nicht um eine bloße Rivalität im Sport. Das Spiel ist politisch aufgeladen, wird als Duell der Weltanschauungen gedeutet. Ob das mit Blick auf die Spieler historisch korrekt ist, sei dahingestellt. Natürlich tragen auch die zwei Brüder nicht unerheblich zur aufgeladenen Atmosphäre bei, insbesondere als deutlich wird, dass Andreas‘ Zweifel am sozialistischen System so tiefgreifend sind, dass er die Entscheidung zur Flucht fällt. Den Leser*innen wird schnell klar, dass Konrad ein strammer Genosse ist, der jüngere Bruder erkennt das zu spät.

Knapp dreißig Jahre Geschichte auf 134 Seiten verlangen den Leser*innen einiges an Hintergrundwissen ab. Dennoch ist die Graphic Novel gut für ältere Schüler*innen geeignet, z.B. um sich im Unterricht dem Themenkomplex der deutsch-deutschen Geschichte zu nähern und ihn anschaulich zu unterrichten. Im Anhang befindet sich ein kurzer historischer Abriss zur Geschichte der beiden Staaten und zum Fußball in der BRD und DDR. Weitere Wissenslücken lassen sich durch Recherchen schließen. Dass der Hauptteil der Graphic Novel von einem Fußballspiel mit (immer noch) bekannten Spielern handelt, motiviert bestimmt auch leseunwillige Jungen, das Buch zur Hand zur nehmen.

Weitere Rezensionen zu dem Buch bzw. zu vergleichbaren Titeln finden Sie in der Datenbank der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien unter www.ajum.de.

Philippe Collin und Sébastian Goethals: Das Spiel der Brüder Werner. Bielefeld: Splitter Verlag, 2020. Ab 16 Jahre.

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