Alles nur aus Zuckersand

Rein äußerlich betrachtet funktioniert der Mauerfall bei diesem wunderbaren Roman quasi als Spiegelachse: Die Geschichte spielt zehn Jahre vor dem Mauerfall, der Roman erscheint zehn Jahre danach. Fred, Sohn eines Grenzers der DDR, und Jonas sind beste Freunde. Gemeinsam erkunden sie ihre Umgebung, insbesondere ein verlassenes Fabrikgelände in der Nähe der Grenze zu Westberlin. Und wenn sie dort nicht herumschleichen, sammeln sie Informationen über Australien und die Aborigines – ganz heimlich, kein Erwachsener soll davon erfahren. Zunächst erscheint die Handlung als eine Darstellung einer idyllischen Kindheit. Doch diese Idylle bekommt sehr schnell Risse: Jonas Mutter gehört der christlichen Gemeinde der DDR an, sein Vater ist im Gefängnis in Bautzen umgekommen. Kennerinnen und Kenner der DDR wissen, dass dort vornehmlich politische Gefangene einsaßen. Es überrascht nicht, dass Jonas Mutter eines Tages einen Ausreiseantrag stellt. Da Westkontakte und Kontakte zu Ausreisewilligen schnell dazu führten, dass die politische Treue in Frage gestellt wurde, bedeutet das für Fred, dass er nicht mehr mit Jonas spielen darf. Aber echte Blutsbrüder lassen sich nicht so einfach trennen; die beiden Jungen treffen sich heimlich weiter. Und sie schließen einen Pakt: Sie wollen einen Tunnel bis nach Australien buddeln, damit sie sich nach der Ausreise Jonas‘ dort wiedertreffen können. Doch bevor der Tunnel auch nur im Ansatz fertig ist, ziehen Jonas und seine Mutter nach Westberlin.

Sehr einfühlsam lässt Dirk Kummer die Geschichte der Freundschaft zwischen diesen beiden Jungen von Fred selber erzählen. Dadurch sind die Leserinnen und Leser ganz dicht am Geschehen, leiden mit Fred, als Jonas nicht mehr da ist und jeder Kontaktversuch unterbunden wird. Aber der Roman ist auch lustig, eben weil alles so konsequent aus der Perspektive des 10-Jährigen geschildert wird und manches in der Wahrnehmung von Kindern ganz anders ist als in der von Erwachsenen. Dirk Kummer ist selber in der DDR geboren und aufgewachsen. Auch das merkt man dem Roman an. Er ist durch und durch authentisch: vom Vokabular („Das fetzt!“ und „Klassenfeind“) bis hin zur gezielten Ausgrenzung von Ausreisewilligen und Andersdenkenden. Obwohl der Roman bereits für Kinder ab 10 Jahren empfohlen wird, eignet sich ein Einsatz ab Klasse 9. Jugendliche können die durch die kindliche Wahrnehmung entstehende Situationskomik überhaupt erst erfassen. Auch für die Bedeutung und die Ursachen der teilweise bedrohlichen Reaktionen der Erwachsenen auf die Freundschaft zwischen Jonas und Fred haben ältere Schülerinnen und Schüler eher ein Gespür. Darüber hinaus bietet sich der Roman zum fächerübergreifenden Arbeiten mit dem Fach Geschichte an. Aufgrund seines geringen Umfangs – gerade mal 144 Seiten – ist „Alles nur aus Zuckersand“ auch für Wenigleserinnen und -leser geeignet, zumal er gleichzeitig auch als ungekürztes Hörbuch (hervorragend gelesen von Charly Hübner) erschienen ist. Dem Buch vorausgegangen ist der mehrfach ausgezeichnete, gleichnamige Fernsehfilm.

Dirk Kummer. Alles nur aus Zuckersand. Hamburg: Carlsen Verlag, 2019. Ab 10 Jahren.

© Cover: Carlsen Verlag 

Übrigens: In der ARD Mediathek ist die Verfilmung des Buches noch bis zum 20.12.2020 verfügbar.

Impressum | Datenschutz | rechtliche Hinweise | Sitemap | Archiv