Im Gespräch mit Ursel Scheffler, Büchertürme

Ursel Scheffler ist nicht nur erfolgreiche Kinderbuchautorin, sondern setzt sich mit ihrem Projekt „Büchertürme“ seit 2011 aktiv für die Leseförderung ein. In unserem Interview erfahren Sie Näheres zum Projekt.

Erzählen Sie uns etwas über das Projekt „Büchertürme“.

Das Projekt "Büchertürme" habe ich 2011 nach einem besonders "miesen PISA-Ergebnis" ins Leben gerufen. Die Idee ist, dass Kinder im Klassenverband gemeinsam "Bücherbausteine"  von 1 PISA (= 10 cm) lesen. Im lesesportlichen Wettbewerb mit anderen Klassen/Schulen erreichen sie das gemeinsame Ziel: einen gelesenen Bücherstapel, der so hoch ist wie ein lokaler Turm. Auf einem PISAmeter kann man den Erfolg im Klassenzimmer ablesen. Monatssieger gewinnen einen Preis. Die ganze Klasse liest mit. Lesen darf man, was einem gefällt. Auch Comics oder Bilderbücher. Der Bücherturm wächst. Und plötzlich ist Lesen cool und macht Spaß!

Wie sind Sie auf die Idee gekommen und worum geht es in dem Projekt?

Die Lesefertigkeit unserer Grundschulkinder ist seit Jahren dramatisch zurückgegangen.  Das ist kein Geheimnis. Die Bücher, die ich einmal als Erstleser verfasst hatte, werden jetzt im dritten Schuljahr gelesen.

Wie bringe ich Kinder wieder zum Buch? Wenn man Kindern sagt "Du darfst lesen!", motiviert das mehr als wenn man sagt: "Du musst lesen!" Wenn Kinder z. B. abends noch ein wenig das Licht anlassen dürfen, um für die Büchertürme zu lesen, ist das sinnvoll verschwendete Energie.

Außerdem scoren unsere Handykids gern bei Computerspielen. Warum nicht auch beim Lesen? Stolz vergleichen Klassen ihre PISA. Julia (10) aus München berichtete, dass sie schon einen Bücherturm gelesen hat, der so groß ist wie sie selbst.

Wer kann teilnehmen?

Alle Grundschulklassen einer Stadt oder Gemeinde. Die Anmeldung erfolgt durch die Klassenlehrer. Meist wird das Projekt lokal mit Hilfe der Stadtbüchereien organisiert, die die Schulen durch die Klassenbesuche kennen. Dort gibt es ja auch Bücher, das PISA-"Baumaterial", für alle  Kinder in  Hülle und Fülle. 

Und weil vor dem Lesen das Vorlesen kommt, darf im ersten Schuljahr auch jedes vorgelesene Buch auf der Bücherliste eingetragen werden. Auch von den Eltern. Die sollen so mit einbezogen werden.

Die Großen (3.-4. Schuljahr) können zur Kontrolle die Antolin-Fragen zu den Büchern beantworten und zusätzlich Antolin- Punkte sammeln!

Was war der Rekord bei den bisher teilnehmenden Schulen?

Bei einer der ersten Veranstaltungen in Cuxhaven kamen schon über 1000 Kinder zum Abschluss-Lesefest. Die größte Veranstaltung hatten wir mit 1400 Kindern in der Vogelsanghalle in Stralsund. Zur Auftaktveranstaltung (Leseziel: die Domspitze) kam Schirmherrin Angela Merkel, der es fabelhaft gelang, die Kinder zu motivieren. Mit Olaf Scholz (beim Hamburger Rathausturm), Bischöfen, Pröbsten und einem Ayatollah hatten wir weitere prominente Schirmherren für unsere Türme.

Die meisten Türme haben wir bisher in Hamburg gelesen. Unser 12. Turm ist jetzt der Fernsehturm.  Der 13. Turm steht schon fest. Auf unsere Webseite kann man sehen, wie viele Tausend Bücher inzwischen gelesen wurden.
Der höchste deutsche Bücherturm ist bisher das Ulmer Münster. Der höchste ausländische die Sagrada Familia in Barcelona. Das sind doch nette Rekorde, oder?

Haben Sie unter den „Turmgeschichten“ einen Favoriten?   

Ja, gleich die erste Geschichte, in der sich Kinder einer 1. Klasse ausdachten, wie sich ein Regenwurm in ihrem Schulgarten durch einen Bücherturm frisst und zum Bücherwurm wird. Auf unserer Webseite gibt es auch ein Foto der Autoren.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft des Projekts? Sind weitere Aktionen geplant?

Die Planung läuft auch Hochtouren. Inzwischen gibt es auch Türme im Ausland und einzelne Bundesländer betreiben ihre eigene Webseite. Ich wünsche mir viele engagierte Turmbaumeister, die diese gut funktionierende Idee zur Leseförderung weitertragen und unterstützen.
Meine Zukunfts-Vision? Dass auch in Niedersachsen Büchertürme wachsen!

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Carolin Klenke.

Fotos: Büchertürme, Romanus Fuhrmann; Illustration: Hannes Gerber

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