Im Gespräch mit Udo von Alten

Udo von Alten ist Geschäftsführer des Landesverbands Niedersachsen vom Friedrich-
Bödecker-Kreis e. V.
Er organisiert Autorenbegegnungen für Schülerinnen und Schüler und Buchwochen in ganz Niedersachsen.

Warum sind Autorenbegegnungen für Schulklassen so wichtig?

Der Friedrich-Bödecker-Kreis bietet Literatur und Leseförderung für Kinder und Jugendliche durch Autorenbegegnungen an. Autorenbegegnungen bedeuten nicht nur vorlesen, sondern auch das Gespräch, die Interaktion, das Miteinander mit der Autorin oder dem Autor, Fragenstellen − nicht nur über Literatur und Inhalte, sondern auch über die Person, die Entstehung von Büchern und alles, was das ganze Umfeld betrifft.
Bei Autorenbegegnungen gibt es ein paar „Essentials“. Das bekommen die Kinder und Jugendlichen auch immer schnell heraus. Eines zum Beispiel – irgendwer kommt immer drauf – ist die Frage „Wie kommen Sie eigentlich auf die Idee für diese Geschichte?“. Und dann ist man dabei, darüber zu sprechen, wie Kreativität entsteht, was Literatur ausmacht und mit welchem Material man arbeitet: Sprache, Wörter, Ideen, Geschichten und so weiter. Das ist fundamental für alles, was sich im Kopf bewegt. Autorenbegegnungen sind eine Möglichkeit, die Idee von Kreativität, Literatur, den Umgang mit Sprache und Persönlichkeitsbildung auf den Weg zu bringen. Es kann nichts Wichtigeres geben als das.

Wie verteilt sich bei einer Autorenbegegnung ungefähr die Zeit auf Lesung und Gespräch?

Es ist wichtig, dass man Vorgaben macht, damit die Begegnungen im Schulalltag stattfinden können. Wir möchten nicht nur die interessierten Schülerinnen und Schüler erreichen, sondern auch die gar nicht interessierten und diejenigen, die keine Vorstellung davon haben, was Literatur, Geschichten oder Bücher sind, und was Lesen ausmacht. Wir setzen also unten an. 90% unserer Veranstaltungen finden in Schulen statt und da muss man im Ablauf gewisse Vorgaben machen, damit diese Autorenbegegnungen organisatorisch eingepasst werden können. Wir sagen, in der Regel sollten 60 bis 90 Minuten, also eine Doppelstunde, für eine Autorenbegegnung eingeplant werden. Diese Doppelstunde wird dann gefüllt mit Vortrag und Gespräch. Es wird immer Literatur vorgelesen oder vorgestellt, wie viel oder wie lang bleibt jedem Autor selbst überlassen. Bei den Kleineren werden die Lesungen etwas kürzer gestaltet. Manchmal lässt sich das Klingelsystem an Schulen auch übergehen. Die Begegnungen werden also flexibel gestaltet, da sind wir nicht dogmatisch. Aber es muss Zeit sein für Nachfragen und ein Gespräch – und da sind 45 Minuten zu wenig. Selbst kleinste Kinder wollen wissen „Wer ist das?“, „Was ist das für ein Kerl?“ und „Warum schreibt der das?“. Das verändert sich natürlich bei den höheren Klassen.
Im Internet stellen wir auch Material dazu zur Verfügung, wie man sich vorbereitet.
Das nächste Element, was über die klassische Lesung hinausgeht, sind die Schreibwerkstätten. Da braucht man wesentlich mehr Zeit und kleinere Gruppen. Bei normalen Lesungen haben wir maximal zwei Klassen, also 50 bis 60 Schüler, und natürlich sollte die Gruppe möglichst altershomogen sein, damit die Ansprache auf dem gleichen Level laufen kann und die Schüler sich trauen, am Gespräch teilzunehmen. Die Vorgaben machen wir und die beruhen auf Erfahrungswerten. Den Friedrich-Bödecker-Kreis gibt es ja bereits seit über 60 Jahren.

Sie organisieren auch Schreibwerkstätten?

Wir hatten mal gemeinsam mit der Sparkasse ein Schwerpunktprojekt für Schreibwerkstätten an Haupt- und Förderschulen. Das Problem bei den Schreibwerkstätten ist, dass wir dafür immer zusätzliche Sponsoren brauchen. Die Schreibwerkstätten sind relativ teuer, da dann ein Autor für zwei, drei oder auch mal fünf Tage an eine Schule kommt und mit den Kindern arbeitet. Das können die Schulen nicht aufbringen und das heißt, wir müssen es hoch subventionieren. Die Schulen zahlen dann in der Regel einen Betrag der recht übersichtlich ist für das, was sie geliefert bekommen.
Seit etwa 10 Jahren realisieren wir zusammen mit der VGH-Stiftung das Projekt „Autoren in der Schule“ für alle Schulformen ab der 5. Klasse. Da sind auch Haupt- und Förderschulen dabei, auch Berufsbildende Schulen nehmen teil, Schwerpunkt sind aber Oberschulen und Gymnasien. In einem Schuljahr bieten wir 20 zweitägige Schreibwerkstätten an, alternierend alle zwei Schuljahre.

Wie geht man konkret vor, wenn man Lehrkraft ist und einen Autor zu sich an die Schule einladen möchte?

Den Kontakt zum Bödecker-Kreis suchen! Die Lehrkräfte können sich telefonisch oder per Mail bei uns melden. Erste Informationen findet man auch schon auf unserer Website. Beim Friedrich-Bödecker-Kreis findet man das Know-How für die Autorenbegegnungen und bei uns zahlen Schulen pro Lesung nur 140 Euro dazu. Was darüber hinausgeht, wird vom Friedrich-Bödecker-Kreis in der Regel durch Mittel des Landes Niedersachsen gefördert. Was aber vielleicht noch wichtiger ist: Wir übernehmen auch die gesamte Bürokratie, das heißt ich mache die Abrechnungen mit den Autoren, zahle Beiträge für die Künstlersozialkasse, habe eine Autorenunfallversicherung, rechne die Fahrtkosten ab. Das bleibt den Schulen erspart. Die bekommen eine Rechnung von mir mit der Anzahl der Lesungen mal 140 Euro und manchmal sind es auch noch Übernachtungskosten, die anfallen. Die werden dann in der Regel vor Ort übernommen. So ist das Prozedere und es ist immer schlau, erstmal mit dem Bödecker-Kreis zu sprechen, dann weiß man, was es kostet und was gefördert wird. Wenn es gewünscht ist, schlage ich natürlich auch Autoren vor, die in Frage kommen. Es gibt natürlich auch Schulen, die sagen „Wir haben hier eine Autorin oder einen Autor, den möchten wir gerne“ und dann schaue ich, ob sich das umsetzen lässt.

Das heißt, die Anfragen der Schulen sind auch sehr unterschiedlich. Die einen suchen einen Autor, der zu einem bestimmten Thema etwas geschrieben hat, die anderen möchten einen ganz bestimmten Autor einladen … so in etwa?

Genau, da bin ich auch tolerant. Was die Schulen möchten, entscheiden sie selbst. Wenn ich Vorschläge mache, dann haben die natürlich auch etwas mit der Qualität der Literatur und der Vermittlungsarbeit der jeweiligen Autoren zu tun. Nach 28 Jahren ist da im Kopf ein gewisser Bestand an Informationen, sodass es häufig so läuft, dass Schulen sagen „Herr von Alten, schlagen Sie mal jemanden vor. Das letzte Mal war‘s toll, das war der und der und so etwas in der Art hätten wir gerne.“ Zielgerichtet die Autoren zu empfehlen, ist das A und O. Man kann das Know-How des Bödecker-Kreises nutzen, man kann aber auch versuchen, seine eigenen Ideen zu realisieren, da bin ich offen. Wenn es abstrus wird, können wir es allerdings nicht mit öffentlichen Geldern fördern. Bei uns liegt auch eine gewisse Verantwortung. Wenn Autoren die Veranstaltungen nicht gut machen, zerstören sie auch viel in den Köpfen der Kinder oder an den Schulen. Ich setze mich also im eigenen aber auch im Interesse der anderen Autoren dafür ein, dass die Veranstaltungen gut werden und in 99,9% der Fälle ist das so. Kontakt mit dem Bödecker-Kreis aufzunehmen, kann also nicht verkehrt sein.

Was können denn die Lehrkräfte im Unterricht inhaltlich und organisatorisch vorbereiten, damit sie eine erfolgreiche Autorenbegegnung im Haus haben?

Ich sage den Lehrern immer: Es kostet etwas. Wenn es etwas kostet, überlegt man eher, wie man das möglichst effektiv und nachhaltig gestaltet. Um eine Autorenbegegnung effektiv zu nutzen, sollte es eine Vor- und eine Nachbereitung geben. Je nachdem, wie intensiv man das macht, nimmt man mehr oder weniger von der Veranstaltung mit. Man kann und sollte, nein man muss, die Kinder darauf einstellen, damit sie wissen, wer da kommt und was sie erwartet. Man kann natürlich auf Klassenlektüren aufbauen oder Bücher vorstellen. Nach der Autorenbegegnung haben die Kinder weitere Fragen, sind interessiert und möchten meist auch die Bücher weiterlesen. Man kann da also vorbereitend mit der Bibliothek sprechen oder mit lokalen Buchhandlungen. Außerdem haben die Kinder oft weiteren Gesprächsbedarf, weil die anderthalb Stunden der Begegnung zu kurz sind, um alle Fragen zu klären. Das kann in der Nachbereitung aufgefangen werden. Manche schreiben Leserbriefe an die Autoren. Gerade die Grundschulen machen das sehr gerne. Man kann die Autorenbegegnung natürlich auch in den Schulalltag mit einbinden: Einen Artikel für die Schul-Homepage schreiben oder die Auswahl der nächsten Klassenlektüre an die Autorenbegegnung anbinden. Das hängt immer auch davon ab, in welchem Zusammenhang die Autorenbegegnung stattfindet. Je mehr man in die Vor- und Nachbereitung investiert, desto mehr können die Schüler von einer Autorenbegegnung mitnehmen.

Und welche Rolle spielt der Autorenbeirat beim Friedrich-Bödecker-Kreis?

Der Friedrich-Bödecker-Kreis vermittelt den Kontakt zwischen Autoren und Kindern und Jugendlichen. Zur Vermittlung brauchen wir beide Seiten: die Kontakte zu den Schulen und zu den Autoren. Zu den Autoren haben wir eine Datenbank im Internet, und alle zwei Jahre findet außerdem eine Autorentagung statt, bei der auch viel über Literaturvermittlung an Schulen gesprochen wird. Und wir haben in Niedersachsen einen Beirat mit fünf Autorinnen und Autoren, die auch das Spektrum Bilderbuch, Kinderbuch usw. abbilden. Die Beiratsmitglieder geben uns weiter, was die Autoren bewegt. Ein Standardthema sind beispielsweise Honorare. Gerade Kinder- und Jugendbuchautoren leben größtenteils nicht vom Buchverkauf, sondern von Veranstaltungen. Wir zahlen allen Autoren das gleiche Honorar und von diesem Solidaritätsprinzip profitieren vor allem Autoren, die noch nicht so bekannt sind oder weniger verkaufsorientierte Themen behandeln. Das ist Absicht; wir möchten, dass es eine Vielfalt von Autoren an den Schulen gibt und auch eine gewisse Qualität von Literatur an den Schulen gewährleisten. Es gibt viele Autoren, die am Anfang Schullesungen über den Friedrich-Bödecker-Kreis machen, dann sehr erfolgreich werden und gerne dabeibleiben.

Lieber Herr von Alten, vielen Dank für das Gespräch!

 

Die Fragen stellte Sabine Hürthe.

Foto: Akademie für Leseförderung Niedersachsen

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