Im Gespräch mit Stefan Gemmel

Stefan Gemmel ist nicht nur Kinder- und Jugendbuchautor, er engagiert sich auch für die Leseförderung. Für seine originellen und überraschenden Lesungen, Lesenächte und Workshops erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2007 das Bundesverdienstkreuz und „Lesekünstler des Jahres 2011“. Neuerdings ist Gemmel Teil der Kampagne „Deutschlands Kinder lesen ein Buch®“ des Bundesverbandes für Leseförderung und des Leserattenservices. Das Projekt startet im September 2019 und bietet Kindern, Eltern, Schulen und anderen an Bildungsprozessen Beteiligten die Möglichkeit, sich intensiv mit einem aktuellen Buch auseinanderzusetzen. Durch die vielfältigen kreativen Ideen und Aktionen rund um das zu lesende Buch wird bei Kindern in ganz Deutschland die Lesefreude geweckt. Gemmels neues Buch „Marvin – Das Buch aus Feuer und Freundschaft“ wurde in diesem Jahr für das Projekt ausgewählt.

Worum geht es bei der Kampagne „Deutschlands Kinder lesen ein Buch®“?

Deutschlands Kinder lesen ein Buch®“ soll ein großes Lesefest werden, das sich über die gesamte Bundesrepublik erstreckt und bei dem sich alle einbringen können. Ob Familien, Vereine, Freunde, Leseclubs, Schulklassen, Büchereien ... – sie alle sind eingeladen, sich mit dem Buch zu beschäftigen und sich auf die ganz eigene Art einzubringen.
Grund dafür ist das 10-jährige Bestehen des Bundesverbandes für Leseförderung und daher steht eben alles im Zeichen der motivierenden Lese-Erfahrung.
Zusammen mit Eva Pfitzner vom Leserattenservice haben wir ein vielfältiges Programm entwickelt, das allen Beteiligten einen Pool an Möglichkeiten bietet, Literatur erfahrbar zu machen und gleichzeitig Teil eines riesigen Projektes zu sein – so, wie das schon bei den Weltrekorden der Fall war, die Eva Pfitzner und ich aufgestellt haben: Wir möchten zeigen, dass Bücher ein Massenphänomen sind.

Was erwartet Teilnehmende bei der Kampagne?

Das Spannende an diesem Projekt ist, dass es eine Vielzahl an Möglichkeiten bietet, sich selbst einzubringen. Zum einen gibt es einen ständigen Austausch der Teilnehmenden mit mir. Das geschieht online und auf diese Art kann ich direkt in den Dialog mit den Teilnehmenden gehen und gleichzeitig viel Wissenswertes rund um Bücher allgemein oder über dieses Buch im Speziellen vermitteln. Zudem können alle Teilnehmenden ihre eigenen Ideen und Projekte einbringen, denn das Buch „Marvin“ bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, sich mit der Geschichte und den Figuren darin auseinanderzusetzen. So können zu den unterschiedlichen Figuren in Marvins Zauberwald eigene Geschichten geschrieben oder Bilder gemalt werden.
Einige Szenen lassen sich ganz leicht zu kleinen Theaterpassagen umschreiben, die von Kindern selbst gespielt oder als Schatten- und Puppentheater einstudiert werden können.
Die Tatsache, dass eine der Buchfiguren Lügen verbreitet, um die eigene Macht zu stärken, bietet die Möglichkeit, sich auch politisch dem Text zu nähern. Und die vielen Sprachspiele laden dazu ein, selbst in dieser Richtung aktiv zu werden.
Vor allem aber die Tatsache, dass sich zwei der Hauptfiguren der Geschichte in ihrer eigenen Haut nicht so wohl fühlen, schafft einen wunderbaren Einstieg, mit Kindern ins Gespräch zu kommen, wie sie selbst solche Gefühle erleben und wie sie damit umgehen, denn ein solches Gefühl kennt ja jeder von uns - oftmals nicht nur aus der Kindheit.
Das, was dazu erstellt wird, kann uns zugeschickt werden, so dass wir alle Ideen in Kategorien auf der Internetseite speichern und sich jede Besucherin und jeder Besucher der Website alles anschauen oder sich auch Impulse für den eigenen Umgang mit dem Buch nehmen kann.
Schulen, Buchhandel und Bibliotheken werden ein Füllhorn an Möglichkeiten finden, jungen Bücherfreundinnen und -freunden einen überraschenden / tiefgehenden / gestalterischen / humorvollen / ... Zugang zur Literatur zu ermöglichen.
Und zu alledem werden sogar unter den Einsendungen jede Menge interessante Preise verlost. Zum Beispiel die Fahrt zur Buchmesse in Leipzig oder Testleserin oder -leser für mein nächstes Buch und vieles mehr.

Was hat Sie motiviert bei der Kampagne „Deutschlands Kinder lesen ein Buch®“ mitzuwirken?

Für mich liegt der Reiz dieser besonderen Aktion in dem Austausch mit den vielen, vielen Teilnehmenden, die ja quer über ganz Deutschland verteilt sitzen und die alle ihre eigene Kreativität, ihre Ideen und ihre Erfahrungen einbringen werden.
Vor allem aber freue ich mich auf die Live-Schaltungen in den Internetkonferenzen, an dem sich bis zu 100 Teilnehmende einklicken können. Bei diesen Konferenzen werde ich viel rund um das Thema Buch erzählen, werde die Lektorin vorstellen, Eva Pfitzner besuchen und interviewen, vielleicht eine Druckerei aufsuchen und von dort berichten und vieles mehr. Gleichzeitig können die Kinder online Fragen stellen - und genau auf diese Fragen freue ich mich schon jetzt. So entsteht ein direkter, persönlicher, fast hautnaher Kontakt mit allen interessierten Teilnehmenden – und das finde ich eben so spannend.

Können Sie uns schon einen kleinen Hinweis geben, wovon die Geschichte handelt?

Sehr gern. Die Hauptfigur ist Marvin, ein Einhorn, das mit seinem Einhorn-Dasein nicht glücklich ist. Es möchte lieber ein Pirat sein – aber wer hat schon mal von Piraten-Einhörnern gehört?!
So sucht es also selbst nach seiner eigentlichen Berufung und gerät dabei in teils spannende, teils witzige, teils haarsträubende Situationen, denn der Wald, in dem Marvin lebt, ist übervoll mit ungewöhnlichen Figuren aller Art.
Eine Freundschaft entwickelt sich zu Ella, einer Elfe, die wiederum gar keine Elfe sein möchte, was die beiden miteinander verbindet.
Als sie erfahren, dass ihre Welt in Gefahr ist, weil der durchtriebene Obergroller die Macht an sich reißen will, spüren sie, dass sie gebraucht werden. Gejagt von dem geschickten Granter-Jungen Freck machen sie sich auf, um in den Besitz des geheimnisvollen Seelenspiegels zu gelangen und geraten so von einem gefährlichen Erlebnis in ein anderes ...

Wie sind Sie selbst zum Lesen und Schreiben gekommen?

Das war als Kind nicht etwa mein Traumberuf, wie viele Leute meinen. Im Gegenteil, aus Büchern hatte ich mir als Kind nie viel gemacht. Ich hatte kaum gelesen.
Das hat sich erst geändert, als ich ins 7. Schuljahr kam und wir eine neue Deutschlehrerin bekamen: Frau Stadtfeld. Sie hatte wohl erkannt, dass ich gut mit Sprache umgehen konnte und sie hatte mir immer Bücher mitgebracht, die ich erst zögernd, dann allerdings mit wachsender Begeisterung las. Schließlich las ich immer mehr. Alles, was Seiten hatte und mir in die Finger fiel, wurde durchgelesen.
Irgendwann fragte ich mich, ob ich das wohl auch könnte, solche Geschichten zu schreiben und ich probierte es einfach aus. Ich schrieb nachts heimlich Geschichten. Geschichten, die ich dann verschenkte. An Freunde, die Geburtstag hatten oder denen ich sonst eine Freude bereiten wollte. Diesen Freunden gefiel, was ich so schrieb und sie rieten mir immer wieder, meine Geschichten doch mal an Verlage zu schicken. Erst traute ich mich nicht, doch als ich dann eine Geschichte geschrieben hatte, die mir selbst sehr gut gefallen hat, da nahm ich all meinen Mut zusammen und stellte mich damit einem Verlag vor.

Was war Ihr Lieblingsbuch als Kind?

Hmmm ... Wie gesagt: Anfangs hatte ich ja gar nicht gelesen, doch dann habe ich mich in die Welt der Abenteuerromane verliebt und war sehr angetan von „Die drei Musketiere“, natürlich „Die Schatzinsel“ und vor allem aber von „Der Graf von Monte Christo“. Edmond Dantes, die Hauptfigur, hat mich als Jugendlicher völlig begeistert und ich glaube sogar ein bisschen geprägt. Viele meiner Bücherhelden haben Charakterzüge, die auf ihn zurückgehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

© Fotos: Peter Kappest, Privat, Cover: Carlsen Verlag

Die Fragen stellte Anne Minnerup.

Impressum | Datenschutz | rechtliche Hinweise | Sitemap | Archiv