Im Gespräch mit Prof. Dr. Andrea Bertschi-Kaufmann und Prof. Dr. Irene Pieper

Die Professorin für Leseforschung und Literaturdidaktik Andrea Bertschi-Kaufmann wurde unter anderem 2009 mit dem Hans Aebli Anerkennungspreis für hervorragende Leistungen im Dienste der schweizerischen Lehrerinnen- und Lehrerbildung ausgezeichnet. Gemeinsam mit Prof. Dr. Irene Pieper, ausgezeichnet mit dem Forschungspreis der Universität Hildesheim 2017 und geschäftsführende Direktorin des Instituts für deutsche Sprache und Literatur sowie Leiterin des Lese- und Schreibzentrums an der Universität Hildesheim und mit Prof. Dr. Katrin Böhme, Professorin für Inklusionspädagogik an der Universität Potsdam mit dem Förderschwerpunkt Sprache, untersucht sie im Projekt „TAMoLi“ die Praxisvielfalt des Lese- und Literaturunterrichts in der Sekundarstufe I. In unserem Interview berichten Pieper und Bertschi-Kaufmann unter anderem von ersten Ergebnissen der Studie.

Ihre Laufbahnen sind geprägt von den Schwerpunkten der Leseforschung und Literaturdidaktik. Was interessiert Sie besonders an diesen Themen?
 

Bertschi-Kaufmann: Das Lesen ist keine Selbstverständlichkeit – und das aus vielen Gründen: Denn das Lesen ist ein komplexer Vorgang, zu dem ein ganzes Bündel an Fähigkeiten gehört: die Wahrnehmung von Buchstaben, die Umsetzung in Laute, das Verbinden von Bild und Sinn, das Verstehen von Zusammenhängen von Text und Welt … Und es gelingt längst nicht allen Menschen, den Prozess des Lesens zu meistern. Erschreckend viele Erwachsene verfügen über unzureichende Lesefähigkeiten. Wir wissen von Schulabgängern, die nur ganz einfache Texte lesen können. Wir beobachten aber auch Kinder, die am Tisch mit ihren älteren Geschwistern sitzen und auf einmal feststellen, dass sie lesen können. Die Komplexität der Anforderungen und die unterschiedliche Art und Weise wie Menschen die Fähigkeiten erwerben – solche Themen interessieren mich in der Leseforschung.
Dazu kommt, dass Lesen heute etwas ganz anderes bedeutet als früher. Wir werden ständig mit Texten konfrontiert – auch in den neuen Medien. Das stellt uns vor neue Anforderungen und verändert die Prozesse des Lesens und des Schreibens. Beim Lesen von Alltagstexten lerne ich die Welt zu verstehen, mich in der Gesellschaft zu orientieren und mich zurechtzufinden. Das Lesen von Literatur hilft hingegen darüber hinaus zu verstehen, wie Menschen denken und fühlen, wie sie handeln. Dabei lernt man Vieles über sich selbst und auch über andere. Deswegen interessiert mich die Literaturdidaktik und die Kernfrage, wie sich Literatur an Kinder und Jugendliche vermitteln lässt.

Pieper: Auch mir ist die Frage sehr wichtig, wie wir sicherstellen können, dass möglichst alle Schülerinnen und Schüler einen guten Zugang zur Schriftlichkeit und zur Literatur bekommen können. Das Literarische ist da ein besonderer Schatz, denn es kann in der Persönlichkeitsbildung von Kindern und Jugendlichen eine große Rolle spielen. Das Fach Deutsch hat da auch gewisse Ähnlichkeiten mit anderen künstlerischen Fächern, Kunst und Musik, Darstellendes Spiel. Aus meiner Sicht sollte man den Literaturunterricht auch als ästhetischen Unterricht verstehen, es geht da vielfach um kreative Prozesse, auch beim Verstehen, wo wir ja ganz stark eigene Vorstellungen im Dialog mit dem Text, aber auch miteinander entwickeln. Wie das genau funktioniert, finde ich als Forscherin hoch spannend. Und natürlich steht dann die Frage auf der Agenda, was der Unterricht tun kann, um die Schüler/innen noch besser beim literarischen Lernen zu unterstützen.

TAMoLi, das ist die Abkürzung für „Texte, Aktivitäten und Motivationen im Literaturunterricht der Sekundarstufe I“. Was genau untersuchen Sie und mit welcher Zielsetzung?
 

Bertschi-Kaufmann: Nach den ersten Resultaten der PISA-Studie und anderer Leistungsstudien ist eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Lesekompetenz in der Schulpraxis, der Bildungsadministration und Forschung wahrnehmbar, da große Defizite und Probleme nachgewiesen wurden. Parallel dazu besteht die Befürchtung, dass diese Aufmerksamkeit das Interesse an der Literatur zurückdrängt.

Pieper: Unser Projekt möchte ermitteln, welchen Stellenwert der Lese- und Literaturunterricht in der Sekundarstufe I aller Schulformen gegenwärtig hat und wie seine Praxis aussieht. Dabei berücksichtigen wir die Sichtweisen der Lehrkräfte und der Schüler und Schülerinnen gleichermaßen und gehen auch den Motivationen und Einstellungen der Schüler und Schülerinnen zum Lesen, etwa im Verhältnis zu anderen Medien, nach. Besonders reizvoll für uns ist, dass wir in zwei Ländern forschen: in der deutschsprachigen Schweiz und in Deutschland.

Welche Erwartungen haben Sie bereits in ersten Zwischenergebnissen als bestätigt wahrgenommen? Und was sind für Sie besonders überraschende Ergebnisse?
 

Pieper: Wir nahmen an, dass der Bereich desLeseverstehens insgesamt eine große Bedeutung haben würde, und wollten klären, welche Rolle literarische Texte im aktuellen Deutschunterricht spielen. Steht das Lesen von Literatur zum Beispiel gegenwärtig zurück? Welche Rolle spielt es in den unterschiedlichen Schulformen? Aus anderen Studien ist bekannt, dass Literaturunterricht an Hauptschulen eine geringere Rolle spielt als an den anderen Schulformen. Es war schnell deutlich, dass das Leseverstehen derzeit tatsächlich eine große Rolle im Deutschunterricht spielt.

Bertschi-Kaufmann: Auch die Annahme, dass es schulformspezifische Unterschiede beim Zugang zur Literatur gibt, hat sich bestätigt. Bei unserer Befragung gewichten die meisten Lehrerinnen und Lehrer der Schulform A (entspricht Gymnasium) die beiden Bereiche Literaturvermittlung und Leseverstehen gleich, wobei das in Deutschland noch stärker ist als in der Schweiz. Nur ein kleinerer Teil orientiert sich primär an literarischer Bildung. In der mittleren Schulform sind Gleichgewichtung und Orientierung am Leseverstehen in etwa gleich auf. In der Schulform C (z.B. Hauptschule), bei der man auch mit einer leseschwachen Schülerschaft rechnen muss, finden wir bei den meisten eine starke Akzentuierung des Leseverstehens, aber eine große Gruppe findet auch die Kombination beider Lernformen wichtig.
Die Befürchtung, dass Literatur im Unterricht keine Rolle mehr spielt, müssen wir demnach erfreulicherweise nicht bestätigen.

Pieper: Erstaunt hat mich allerdings, dass so selten klar auf Zugänge zur Literatur gesetzt wird. Die Orientierung an einer Gleichgewichtung ist gerade angesichts der Einsichten in die Bedeutung des Leseverstehens seit PISA zu erwarten. Interessant werden die Ergebnisse aber, wenn man hinzunimmt, dass unseren Daten zufolge schulformübergreifend sehr viel mit literarischen Texten gearbeitet wird. Daraus lässt sich auch schließen, dass Literatur zur Förderung des Leseverstehens eingesetzt wird und dass die Schüler und Schülerinnen sehr viele Gelegenheiten haben, im Unterricht mit anregenden literarischen Welten umzugehen. Noch etwas anderes finden wir bemerkenswert: Die Buchauswahl der Lehrkräfte ist bunt, es gibt nur wenige „Hits“ über Klassen hinweg, z. B. Herrndorfs Tschick. Die Titel sind teilweise auch sehr aktuell. Eine Studie um die Jahrtausendwende kam da noch zu anderen Ergebnissen. Das Gleiche gilt für die Methodik, die offenbar inzwischen sehr vielfältig ist.

Welche Unterschiede gibt es Ihrer Meinung nach im Leseunterricht zwischen Deutschland und der Schweiz und zeigen sich diese auch in der Studie?
 

Bertschi-Kaufmann: In der Schweiz haben wir nicht die Tradition, dass bestimmte literarische Werke seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten in der Schule vorgeschrieben worden sind. Dies hängt mit der Vielfalt unserer Sprachregionen zusammen – jede orientiert sich an einem anderen sprachlichen Kulturraum. In der deutschen Tradition ist literarische Bildung traditionell anders verstanden worden, nämlich immer auch ein Stück weit als nationale Bildung. Der Kanon umfasst große nationale Dichterinnen und Dichter. Inzwischen sind die Lehrpläne in beiden Ländern kompetenzorientiert und stärker auf Lernergebnisse und nicht auf die Art und Weise, wie man dazu kommt, ausgelegt. Dennoch haben wir erwartet, dass sich die unterschiedlichen Traditionen in den beiden Ländern auswirken, dass also in der Schweiz weniger kanonische Literatur gelesen wird als in Deutschland. Unsere Daten zeigen jetzt aber, dass dies nicht der Fall ist. Ein Unterschied zwischen den Ländern besteht hingegen möglicherweise in der Art, wie mit den literarischen Texten umgegangen wird. Wenn ich mir die Videoaufzeichnungen von Literaturstunden anschaue, fallen mir Unterrichtsgespräche in Deutschland auf, in welchen sich Lehrperson und Schülerinnen und Schüler genau mit dem Text und seinen Besonderheiten beschäftigen. Die detaillierte Analyse wird zeigen, ob sich ähnliche und ähnlich viele Beispiele für die Schweiz zeigen oder ob bei uns das Anliegen des Literaturunterrichts, das Lesen mit gesellschaftlichen und ethischen Themen zu verbinden, stärker verfolgt wird und eine weniger starke Aufmerksamkeit für die Besonderheit des Textes besteht.

Welche Tipps können Sie Lehrkräften ausgehend von den aktuellen Ergebnissen der TAMoLi-Studie für den Literaturunterricht geben?
 

Pieper: Unsere Studie stellt in gewisser Weise eine Bestandsaufnahme dar und sie belegt auf einer breiten Datenbasis eine starke Lernerorientierung der Lehrkräfte. Offenbar hat es eine hohe Bedeutung für die Schüler und Schülerinnen, was gelesen wird, und sie zeigen sehr vielfältige Interessen. Es bietet sich aus unserer Sicht an, sie möglichst aktiv in die Textauswahl einzubinden, etwa indem sie sich interessegeleitet zwischen verschiedenen Titeln entscheiden können.
Methodisch dürfte es von großer Bedeutung sein, dass die Lehrkräfte Interesse daran zeigen, wie die Schüler und Schülerinnen selbst mit Texten umgehen (etwa produktiv), wie sie Texte verstehen, was ihnen jeweils wichtig ist und auch, woran sie gegebenenfalls hängenbleiben.

Bertschi-Kaufmann: Außerdem hat sich gezeigt, dass auch die Ziele im Umgang mit der Literatur mit Schülerinnen und Schülern besprochen und diskutiert werden sollen. Wenn Schülerinnen und Schüler Lernziele wahrnehmen, kann das ihre Lesemotivation fördern.
Eine weitere Empfehlung ist zwar nicht direkt aus den Daten der Studie ableitbar, liegt aber auf der Hand: Die Freude an der Literatur, die Lehrerinnen und Lehrer bei sich selber haben, sollte auch bei Schülerinnen und Schülern geweckt, genährt und gepflegt werden – dies zumindest auch mit Texten, die diese sich begeistern können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Bertschi-Kaufmann und Prof. Dr. Irene Pieper halten am 6. November 2019 auf der Herbstakademie einen Impulsvortrag über die Ergebnisse der TAMoLi-Studie. Weitere Informationen zum Programm erhalten Sie hier.

Die Fragen stellten Carolin Klenke und Anne Minnerup.

© Fotos Bertschi-Kaufmann: Sara Barth, Foto Pieper: Isa Lange

Impressum | Datenschutz | rechtliche Hinweise | Sitemap | Archiv