Im Gespräch mit Mehrnousch Zaeri-Esfahani

Mehrnousch Zaeri-Esfahani, geboren im Iran, ist erfolgreiche Autorin und Referentin. Ihr Buch „33 Bogen und ein Teehaus“ wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Leipziger Lesekompass 2017 und dem LESEPETER Februar 2017. Aus der Perspektive des damals kleinen Mädchens erzählt die Autorin von ihren persönlichen Fluchterfahrungen. Ihr Titel „Das Mondmädchen“ wurde 2015 für den Oldenburger Kinder- und Jugendliteraturpreis nominiert.

Sie mussten ohne Sprachkenntnisse eine deutsche Schule besuchen und heute sind Sie eine erfolgreiche Autorin. Wie hat Ihnen Literatur bei diesem Weg geholfen?

Kaum in der neuen Schule in Heidelberg angekommen – da war ich elf Jahre alt – entdeckte ich die Schulbibliothek. Meine Schule war die größte Schule Heidelbergs und hatte die größte Zweigstelle der Stadtbibliothek. Das erste Mal in diese Bibliothek zu treten war eine wahre Offenbarung. Aus dem Iran kannte ich Literatur kaum, weil meine Familie eine ausgeprägte Erzählkultur lebte. Die Bibliothek war eine wahre Oase. Die unglaublich netten Bibliothekarinnen nahmen mich auf und unterstützen mich, wo sie konnten.
Ich wusste sofort, dass ich dort richtig war, weil…
1. …sie still war. Ich musste mich in der Ganztagsschule von morgens bis nachmittags konzentrieren, um manchmal ein einziges Wort aufzuschnappen, was ich evtl. verstehen konnte. Abends hatte ich immer Kopfschmerzen. Und die Schüler waren sehr laut, was ich vom Iran nicht kannte.
2. …es dort Comics gab, die ich alleine lesen, und relativ einfach verstehen konnte. Eine Riesenmotivation! Ich arbeitete mich durch alle Comics durch, dann kamen die Mädchen- Pferde- Ferien-Bücher, dann die Krimis, Romane, und zuletzt die Klassiker in Deutsch, Englisch und Französisch von Flaubert, Camus über Erich Fried und Kafka bis Orwell .
Als ich in der 13. Klasse Abitur machte und von der Schule ging, hatte ich drei neue Sprachen gelernt und eine Lese-Schulung erster Klasse hinter mir. Noch heute schlägt mein Herz in Bibliotheken höher!

Was empfehlen Sie Lehrerinnen und Lehrern, die mit der Herausforderung konfrontiert sind, Kinder mit wenig oder gar keinen Sprachkenntnissen zu unterrichten?

Es gibt mittlerweile wunderbare zweisprachige Literatur. Diese bewirkt wahre Wunder. Außerdem sind Comics ein Zaubermittel. Insbesondere die Schlümpfe waren sehr gut, weil die Schlümpfe viele Verben durch das allgemeine Verb „schlumpfen“ ersetzen. Das hilft sehr am Anfang.
Theater-Elemente sind am Anfang auch sehr hilfreich. 1. zur Stärkung des Selbstbewusstseins, 2. außergewöhnlich viele Migrantenkinder sind Theatertalente
Was auch hilft, ist Migranten in den Unterricht einzuladen, die es geschafft haben. Das gibt den Kindern unheimlich viel Hoffnung.
Die ersten Lehrer und Lehrerinnen sind für die Kinder in der Fremde sehr wichtige Bezugspersonen. Oft halfen mir die kleinen Gesten mehr als die großen, aufwändigen Angebote. Ein Lächeln, ein „Du schaffst es schon“, ein kleines Lob, ein Stern-Aufkleber verschönerten mir manchmal die ganze Woche in einem sehr depressiven, traurigen Alltag in einer viel zu kleinen Wohnung in einer manchmal sehr kalten Welt.

Wie kann, Ihrer Meinung nach, Literatur zum kulturellen Austausch beitragen?

Literatur muss nicht erklären. Sie kann einfach nur erzählen. Man liest/hört/sieht Geschichten, und das Wissen entsteht im Herzen. Dadurch ändert sich die eigene innere Haltung, und zwar auf beiden Seiten!

Und abschließend: Gibt es ein Buch, das Sie empfehlen würden?

Natürlich meine! Scherz beiseite. Zum Thema Flucht ist das Buch von Francesca Sanna herausragend. Allgemein zu den Themen Migration oder Zusammenleben kann ich alle Bücher von Anja Tuckermann empfehlen. Eine wahre Göttin der Literatur in diesem Bereich

Liebe Frau Zaeri-Esfahani, vielen Dank für das Gespräch!

Mehrnousch Zaeri-Esfahani hält am 7. November 2018 im Rahmen unserer Herbstakademie eine Lesung und bietet einen Workshop mit Impulsen zum Einsatz ihres Buches an.

Die Fragen stellte Anne Minnerup.

Fotos: www.alabiso.de, www.tranglys.com

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