Im Gespräch mit Johann (14 J.), jungs_lesen_eh_nicht

Johann ist 14 Jahre alt, kommt aus Frankfurt und geht in die 8. Klasse. Er spielt gerne Fußball im Verein sowie Schlagzeug und Saxofon in einer Jazz-und-Funk-Band. Sein wichtigstes Hobby ist allerdings das Lesen. Auf seinem Instagram-Kanal jungs_lesen_eh_nicht räumt er mit dem hartnäckigen Klischee, Jungs würden nicht gerne lesen, auf und stellt aktuelle Bücher vor, die ihm besonders gut gefallen. Wie er zum Lesen kam und Buchblogger wurde, erfahren Sie in unserem Interview.

Hast du schon immer gerne gelesen?

Eigentlich schon. Am Anfang, in der Grundschule, fiel mir Selberlesen noch schwer und war anstrengend, und ich habe mich nicht wirklich an dicke Bücher getraut. Also habe ich zuerst kurze Texte gelesen. Alles, was mir in die Finger kam: Comics, kleine Artikel im Kicker oder der Frankfurter Rundschau. Oder Bücher mit vielen Bildern. Aber irgendwann kam der Wendepunkt, ohne dass ich es gemerkt habe. In einem Urlaub mit dem Campingbus habe ich dann ein Buch nach dem anderen verschlungen. Mir wird zum Glück beim Lesen im Auto nicht schlecht.

Kannst du dich noch an das erste Buch erinnern, das dich richtig begeistert hat und warum?

Ich glaube, es war „Das Wundermittel“ von Roald Dahl. In dem Buch geht es um einen Jungen  der seine unsympathische und doofe Oma mit einem Zaubertrank zum Schrumpfen bringt. Überhaupt alles von Roald Dahl finde ich großartig. Mein erster dickerer Schinken war „Seeland“ von Anna Ruhe. Ein Fantasyroman, der mich gefesselt hat. Ich war sehr traurig, als ich ihn durchhatte.

Wie bist du auf den Namen für deinen Account gekommen?

Wir waren in den letzten Herbstferien in Italien, und eine deutsche Frau am Nebentisch hat sich lautstark über ihren kleinen Sohn (ca. 10 Jahre) beschwert, der dabeistand. Jungs wären ja im Urlaub so schwierig zu beschäftigen, Jungs lesen ja eh nicht und wollen nur mit dem Handy spielen. Das hat mich geärgert und am Abend habe ich meine Eltern gefragt, ob ich einen Buchbesprechungsaccount bei Instagram haben könnte. Sie waren einverstanden. Der Name war erst ein scherzhafter Vorschlag von mir, aber meine Mutter fand ihn super.

Damit sprichst du ein in der Leseförderung bekanntes Problem an: Es ist schwerer, Jungs zum Lesen zu motivieren als Mädchen. Kannst du dir vorstellen, woran das liegt?

So richtig weiß ich es nicht. Ich glaube eigentlich, wenn man das richtige Buch erwischt, macht Lesen jedem Spaß. Mir wurde viel vorgelesen, meine Eltern lesen viel, bei uns liegen überall Bücher herum. Aber, wie ich oben schon gesagt habe, als ich selber lesen gelernt habe, fiel auch mir das erste Buch schwer. Und Erstlesegeschichten sind oft so doof. Man hat schon so tolle Abenteuer vorgelesen bekommen und startet dann wieder bei null mit Büchern wie „Piffi und Paffi auf dem Boltzplatz“. Aber irgendwann kommt der Punkt, dann ist es gar nicht mehr anstrengend, so lange muss man einfach durchhalten.

Mit der Community Young_bookstagram für Buchblogger unter 18 Jahren, die von der Lesepreisträgerin lesehexemimi ins Leben gerufen wurde, habt ihr aktuell auf das Thema  Gendertische im Buchhandel aufmerksam gemacht und damit für Aufsehen gesorgt. Hast du das Gefühl, dass eine Genderzuschreibung  Jungs (und natürlich auch Mädchen) von Büchern abschreckt, die sie eigentlich interessieren? War oder ist das bei dir so?

Total. Ich hätte mich in der Grundschule nie getraut ein rosa Pferdebuch zu lesen. Ich glaube, so geht es ganz vielen Jungs. „Black Beauty“ zum Beispiel sah, als mein Vater jung war, aus wie ein spannendes Abenteuerbuch. Weiß, mit einem schwarzen Pferd darauf. Da hätte ich auch zugegriffen. Ein rosa Pferde-Buch mit Glitzersternchen, das auf dem Mädchentisch liegt, hätte ich nicht so gern genommen. Das fängt ja als Kind schon ganz früh auch bei der Kleidung an. Als ich als Dreijähriger ein T-Shirt mit Marienkäfern wollte, mussten wir in die Mädchenabteilung und alle dachten, ich bin ein Mädchen. Dabei war ich einfach drei und mochte Marienkäfer. Ich finde die Buchhandlungen sollten nach Themen sortieren und nicht nach Geschlecht. Jede(r) soll doch wirklich das lesen, worauf er oder sie Lust hat.

Wie kann man dem entgegenwirken bzw. was muss sich in Kitas, der Schule, den Bibliotheken oder im Buchhandel deiner Meinung nach ändern, damit mehr Jungs lesen?

Vielleicht mehr vorlesen? Oder zusammen lesen? Meine Grundschullehrerin hat uns immer in der Frühstückspause tolle Bücher vorgelesen (z.B. „Miles und Niles“). Wir wollten dann alle wissen wie es weiter geht und die halbe Klasse hat Band 2 gekauft. Außerdem gab es an meiner Grundschule die tollste Bücherei, die man sich vorstellen kann, und einmal im Jahr gab es einen Lesetag, an dem jedes Kind ein Buch mitbringen sollte, und wir haben den ganzen Tag in der Schule herumgelegen und gelesen.

 

Was ist dein aktuelles Lieblingsbuch?

„Die Dreizehneinhalb Leben des Käpt’n Blaubär“ von Walter Moers  und „The hate u give“ von Angie Thomas.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Die Fragen stellte Carolin Klenke

 

© Fotos: jungs_lesen_eh_nicht

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