Im Gespräch mit Dr. Steffen Gailberger

Dr. Steffen Gailberger forscht an der Ruhr-Universität Bochum zu Kognition und Lesen. Dabei ist der Schnittstellenbereich zwischen Lesen und Hören ein Schwerpunkt. Neben Forschung und Lehre berät er die Akademie für Leseförderung Niedersachsen wissenschaftlich. In diesem Interview erklärt er, warum sich gerade Hip Hop zur Leseförderung eignet. Wie Sie ein Hip Hop Projekt zur Leseförderung in Ihrem Unterricht umsetzen können erfahren Sie hier.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Einsatz von Hip Hop als Methode zur Leseförderung gemacht?

Im Rahmen meines Dissertationsprojektes zum Lesen mit Hörbüchern („Lesen durch Hören“) habe ich eng mit einer Hamburger Gesamtschule zusammengearbeitet, deren Schülerinnen und Schüler zum größten Teil aus sozio-kulturell benachteiligten Verhältnissen stammen und deren Leseflüssigkeit nur schwach ausgebildet ist. Diese Jungen und Mädchen der Stadtteilschule Wilhelmsburg fanden aber eine solche Freude am auditiv unterstützen Lesen mit Hörbüchern, dass die damalige Schulleitung und ich nach Abschluss des Projektes darüber nachdachten, welche weiteren Lautleseverfahren entwickelt und dazu genutzt werden könnten, das Lesen der dortigen Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe 1 zu unterstützen. Zusammen mit einem Wilhelmsburger Musiklehrer, den ich bereits aus einer gemeinsam veranstalteten Summerschool für Hauptschülerinnen und Hauptschüler („Fit für die Lehrstelle“ der Leuphana Universität Lüneburg) kannte und der selbst mit seinen Schülerinnen und Schülern im Unterricht Hip Hop Tracks produziert, war es dann nur noch ein kurzer Weg von der Idee, auditiv unterstützende Leseförderung nicht allein mit Hörbüchern zu realisieren, sondern dieses Format um den Einsatz von Hip Hop Gedichten zu ergänzen (denn Hip Hop Texte sind nichts anderes als das: Gedichte!). Der Erfolg war außerordentlich groß, was leicht zu erklären ist: Die jugendlichen Leserinnen und Leser werden in ihrer Lebenswelt abgeholt, sie fühlen sich ernst genommen und erfahren Leseförderung als etwas, das nicht anstrengt oder gar frustriert, sondern als etwas, das Spaß macht und zugleich auch noch etwas bringt.

Warum eignet sich gerade Hip Hop zur Leseförderung an Schulen?

Die Hip Hop Texte, die im Rahmen des Wilhelmsburger Projektes zum Einsatz kamen, sind Gedichte, die junge Menschen für junge (oder junggebliebene) Menschen schreiben, aufnehmen und veröffentlichen. Jenseits der Lyrics von Künstlern wie Bushido, Kollegah oder Haftbefehl, die aus ästhetischen, moralischen oder rechtlichen Gründen keine Berücksichtigung im schulischen Unterricht finden können, behandeln sie Themen, die auch von anderen Gedichten aufgegriffen werden: Liebe und Liebeskummer (z. B. Anna von Freundeskreis oder Sie ist weg von den Fantastischen Vier), Krieg und Zerstörung (z. B. Tage wie dieser von Fettes Brot), Freundschaft (z. B. Ruf mich an von Fettes Brot) oder Selbstverstrauen und Identitätsfindung (z. B. Rückenwind von Thomas D. oder Einfach klein sein von Deine Freunde für jüngere Schülerinnen und Schüler). Hellsichtig ausgesucht, gibt es also inhaltlich keinen Grund, auf Hip Hop Gedichte im Deutschunterricht zu verzichten – das Gegenteil ist vielmehr der Fall, wie vor allem auch die spätere Antwort auf die letzte Frage zeigen wird.
Unabhängig vom Genre Hip Hop, sollten Leseflüssigkeitsprojekte grundsätzlich mindestens drei, besser noch sechs bis acht Wochen durchgeführt und dabei drei bis vier Mal die Woche für 20 Minuten wiederholt werden. Ist dies organisatorisch möglich, können signifikante Verbesserungen im Bereich der Leseflüssigkeit als Grundvoraussetzung zur späteren Förderung der Lesekompetenz (z. B. mithilfe von Lesestrategien) erwartet werden.
Im Wilhelmsburger Projekt wurde mit Hip Hop Songs und Texten gearbeitet, die den Schülerinnen und Schülern nicht bekannt waren, da wiederholende Lautleseverfahren grundsätzlich mit fremden Texten laufen sollten. Dies aber sollte den Jungen und Mädchen gegenüber zu Beginn der Förderung transparent gemacht werden, da ihnen Songs z. B. aus den frühen 2000er Jahren (nach denen sie sicher selber googlen würden) ansonsten etwas befremdlich vorkommen könnten. Werden die Schülerinnen und Schüler aber frühzeitig mit ‚ins Boot‘ geholt, und dürfen diese vereinzelt ebenfalls einige Hip Hop Songs bestimmen, können ihnen die Auswahl von Seiten der Lehrenden lesedidaktisch erklärt und somit Irritationen in der Gruppe verhindert werden.

Warum ist eine reine Förderung der kognitiven Prozessebene des Lesens aussichtslos?

Durch die intensive Erforschung des Lesens seit Beginn der frühen 2000er Jahre wissen wir sehr gut darüber Bescheid, was kompetentes Lesen ausmacht und wie es (je nach Kompetenzstand der Schülerinnen und Schüler) gefördert werden kann bzw. gefördert werden sollte. Spätestens seit der Erstveröffentlichung der grundlegenden Lesedidaktik von Cornelia Rosebrock und Daniel Nix im Jahr 2008 kann Leseförderung daher nach Verfahren und Methoden unterteilt werden, die sich auf die kognitive, die subjektive und die soziale Ebene der Lernenden auswirken.
Zwar sind Lautleseverfahren grundsätzlich primär auf die Förderung der Leseflüssigkeit (auf der Prozessebene) ausgerichtet, sie würden aber ihr Ziel verfehlen, wenn sie nicht zugleich auch auf die Lesemotivation und auf die Emotionen (auf der Subjektebene des Lesens) wirkten. Da Lautleseverfahren unseren empirischen Erkenntnissen nach dies grundsätzlich aber tun, und Leseförderung durch Hip Hop dies im besonderen Maße unterstreicht, kann die auf diese Weise positiv stimulierte Subjekteben der einzelnen Schülerinnen und Schüler ihre Prozesseben zusätzlich unterstützen. Dieses interdependentes Verhältnis zwischen Prozessebene und Subjektebene des Lesens besteht aber auch zwischen Subjektebene und sozialer Ebene. Damit ist gemeint, dass Leseförderung, die Spaß macht (Subjektebene), und bei der die Schülerinnen und Schüler zugleich spüren, dass sich ihr Lesen verbessert (kognitive Prozessebene), den Deutschunterricht als einen Ort aufwertet, an dem gemeinsam Erfolge gefeiert, das Lesen gemeinsam zelebriert und weitere Leseförderprojekte für die Zukunft gemeinsam geplant werden können. Damit sind alle drei Ebenen des Lesens gefördert.

Lieber Herr Gailberger, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Sabine Hürthe.
Fotos: Dr. Steffen Gailberger und Jordy (pixabay)

Literatur:
Gailberger, S. (2011): Lesen durch Hören. Leseförderung in der Sek. 1 mit Hörbüchern und neuen Lesestrategien. Weinheim und Basel: Beltz.
Gailberger, S./ Nix, D. (2013): Lesen und Leseförderung in der Primar- und Sekundarstufe 1. In: Gailberger, S./ Wietzke, F. (Hrsg.): Handbuch kompetenzorientierter Deutschunterricht. Weinheim und Basel: Beltz, S. 32−69.
Rosebrock, C./ Nix, D. (2017): Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen Leseförderung. (7. völlig überarbeitete und ergänzte Ausgabe). Baltmannsweiler: Schneider

 

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