Im Gespräch mit Christine Steudtner

Christine Steudtner ist Lehrerin am Gymnasium in Bad Nenndorf. Dort hat sie eine Funktionsstelle mit besonderen Aufgaben im Bereich der Leseförderung und Zusammenarbeit mit den Grundschulen inne. Für Deutschkurse der gymnasialen Oberstufe führt sie gemeinsam mit einer Bibliothekarin Workshops in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek durch.

Sie sind an Ihrer Schule u.a. für die Leseförderung zuständig. Was sind Ihre Aufgaben?

Meine Aufgaben liegen in der Schule u.a. darin, an der Weiterentwicklung, Durchführung von Maßnahmen zur Leseförderung mitzuarbeiten und Kolleginnen und Kollegen in Hinblick darauf zu beraten. Neben dem, was im Deutschunterricht ohnehin schon für die Leseförderung getan wird, beispielsweise durch die Auswahl geeigneter Kinder- und Jugendbuchlektüren und durch deren kreative Behandlung im Unterricht, unterstütze ich Kolleginnen und Kollegen bei lesefördernden Maßnahmen oder gebe bspw. Tipps für die Auswahl geeigneter Jugendbuchlektüren. Weiterhin gehören die Durchführung des Bundesweiten Vorlesetags am Gymnasium Bad Nenndorf mit einem außerschulischen Partner oder auch die Betreuung des Projekts „Zeitschriften in der Schule" der Stiftung Lesen zu meinen Aufgaben.
Ich habe zeitweise eine Lese-AG mit Schülerinnen und Schülern von Jahrgang 5-10 geleitet, die sich mit verschiedenen Projekten das Lesen betreffend befasst haben, s.u. Des Weiteren organisiere ich Autorenlesungen mit der Unterstützung des Friedrich-Bödecker-Kreises oder plane Workshops zum kreativen Schreiben oder zum Poetry Slam mit Unterstützung außerschulischer Partner.
Die Leseförderung ist, um einmal mit Fontane zu sprechen „ein weites Feld". Die Akademie für Leseförderung ist hierbei für alle, die das Fach Deutsch unterrichten, eine sehr interessante Institution des Landes Niedersachsen. Die angebotenen Fortbildungen zum Thema Kinder- und Jugendbuchlektüre sowie das online-Angebot mit Ideen und Anregungen für die Behandlung neuer Lektüren sind sehr hilfreich und inspirierend für meine Arbeit im Unterricht und die oben beschriebenen Aufgaben.

An Ihrer Schule gab es auch eine Schulbibliothek mit AG. Welche Aufgaben haben sie in Ihrer Schule übernommen?

Die Schülerinnen der Lese-AG haben beispielsweise geholfen, eine Einführung in die Arbeit in der Bibliothek (Bibliotheksrallye) für Fünft- und Sechstklässler zu erarbeiten, sie haben zu Bücherkisten für den Vertretungsunterricht Aufgabenmaterial erstellt oder auch Buchvorstellungen erarbeitet, Ausstellungen in Buchhandlungen zu gelesenen Büchern entworfen, den Tag der offenen Tür für die zukünftigen Fünftklässler begleitet, Bücherboxen für Autorenlesungen gebastelt oder Lese-Abende mitgestaltet. Einige Schülerinnen haben auch gelegentlich den Bücherschrank der Gemeinde Bad Nenndorf gepflegt.

Gemeinsam mit der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek haben Sie Seminare für Abiturientinnen und Abiturienten entwickelt. Was lernen die Jugendlichen in der Bibliothek?

Die Jugendlichen sollen zunächst einmal Schwellenängste überwinden und im Idealfall die Qualitäten von Bibliotheken schätzen und damit eben auch nutzen lernen. Sie sollen erfahren, dass es nicht der erste Eintrag in einer Google-Suchanfrage ist, der einzig zum Ziel führt und sie sollen wissenschaftspropädeutisches Arbeiten unter fachkundiger Anleitung einüben und nach Möglichkeit vertiefen. Die Ergebnisse der Seminare ergänzen die verbindlichen Inhalte des Deutschunterrichts (die sogenannten Rahmenthemen und Wahlpflichtmodule) der Oberstufe in sinnvoller Weise, können also sowohl als Vertiefung bestimmter Inhalte als auch als Vorbereitung für die Arbeit an der Facharbeit betrachtet werden.

Was sind Ihre Erfahrungen: Inwiefern hat sich das Recherche- und Leseverhalten der Jugendlichen in den letzten Jahren verändert?

Die Generation „R", wie sie in der Shell-Studie genannt wird, ist mit der digitalen Revolution aufgewachsen, hat in der Regel auch gelernt, dass nicht allem zu trauen ist, was ihr digital präsentiert wird. Und dennoch beobachte ich immer wieder, dass sich Schülerinnen und Schüler beispielsweise schnell mit dem Suchergebnis ihrer voreingestellten Suchmaschine zufrieden geben und nicht weiter schauen. Die heutigen Schülerinnen und Schüler sind schnell in der Lage aus vorhandenem Material Präsentationen zu erstellen, allerdings geht die Schnelligkeit hier gelegentlich auf Kosten der Qualität der Inhalte. Die Studien zum Lesen ergaben auch, dass es nach wie vor, auch gegen das subjektive Empfinden, die Vielleser, Bücherwürmer gibt. Dennoch beobachte ich einen Trend, dass allgemein längere Texte nicht mehr gern gelesen werden, der Wissenserwerb ist nicht mehr so hoch bewertet, da vielfältiges Wissen online jederzeit zur Verfügung steht. Die Vorstellung von der Bedeutsamkeit eines Wissenskanons, mit der ich aufgewachsen bin, ist dieser Generation zumeist unwichtiger. Ein nachvollziehbarer Prozess, dennoch meine ich, dass wir als Lehrende unseren Schülerinnen und Schülern immer wieder zeigen sollen, wie wichtig das eigene kritische Denken und damit verbunden auch ein Wissen um Zusammenhänge ist.

Frau Steudtner, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Sabine Hürthe.

Infos und Anmeldung zu den Workshops für Deutschkurse in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek finden Sie hier.

Fotos: Jutta Wollenberg

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