Im Gespräch mit Anne May

Anne May ist Literaturwissenschaftlerin und Bibliothekarin. Seit 2016 ist sie Direktorin in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover. In unserem Interview erzählt sie uns, welchen Beitrag eine wissenschaftliche Bibliothek für die Leseförderung leisten kann und wie die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek auf die Digitalisierung reagiert.

Das Studium der Literaturwissenschaft, die Arbeit in einer Buchhandlung, als Bibliothekarin und schließlich als Bibliotheksdirektorin … spielten Bücher schon immer eine so wichtige Rolle in Ihrem Leben?

Ich war ein sehr lesebegeistertes Kind und habe auch als Jugendliche viel und gerne gelesen. Das waren oft Zeiten, die man sich ein Stück weit stehlen musste. Ich bin auf einem Hof in einer großen Familie aufgewachsen. Zwar wurde uns oft vorgelesen, aber Lesen außerhalb von Schule und Hausaufgaben war Vergnügen, war Freizeit. Tagsüber, wenn die Arbeit rief, wenn ich im Stall helfen sollte, habe ich mich daher oft versteckt, um Lesen zu können. Deswegen erinnere ich mich sehr gut  an die Leseorte meiner Kindheit: im Apfelbaum, auf dem Dachboden, auf der Tenne über dem Kuhstall. Und an den Ärger meines Vaters, wenn ich mich wieder einmal meinen Pflichten entzogen hatte. Die Umstände des Lesens haben mich auch im Studium interessiert: Was, wann und wo haben Kinder gelesen? Darüber habe ich dann auch meine Abschlussarbeit geschrieben.

Erinnern Sie sich an das erste Buch, das Sie begeistert hat?

Ich glaube, das erste was ich erinnere, war eine  Vorlesegeschichte: Wipwip, das Eichhörnchen. Den Roman „Feuerschuh und Windsandale“ von Ursula Wölfel habe ich regelrecht verschlungen. Auch damals schon fast veraltete Kinderbuchklassiker wie „Försters Pucki“  und „Goldköpfchen“ von Magda Trott, später dann Romane von Berte Bratt oder die „Hanni & Nanni“-Bücher habe ich gerne gelesen, aber die wichtigste Heldin meiner Kindheit war Pippi Langstrumpf.  Es gab eine Kirchenbücherei im Ort, in der wir immer Bücher ausgeliehen haben. Pippi Langstrumpf aber wollte ich behalten und habe mir die Bücher dann zu Weihnachten gewünscht.

Beim Thema Leseförderung denkt man oft an Kinder und Jugendliche. Wie kann die Lesekompetenz auch in einer wissenschaftlichen Bibliothek gefördert werden?

Die Leseförderung ist natürlich viel stärker Aufgabe der Öffentlichen Bibliotheken, da die wissenschaftliche Bibliothek in der Regel von einem schon lesekompetenten Publikum aufsucht wird. Allerdings ist die regelmäßige wissenschaftliche Lektüre in der Schule und im Studium von großer Bedeutung. Die Bibliothek unterstützt mit einem breiten Angebot an Kursen vor allem die Recherchekompetenz und den Umgang mit digitalen Medien und sie spielt als Leseort, als Lernort eine wichtige Rolle. Die Bibliothek bietet verschiedene Leseplätze und -situationen an und fördert dadurch die Lesemotivation. Sie ist ein Raum, in dem das Publikum liest und versteht, um das Gelernte in Hausarbeiten, Klausuren oder Abschlussarbeiten wiederzugeben. Wissenschaftliche Bibliotheken haben in den letzten Jahren geradezu eine Renaissance als Lernort erfahren und der Trend hält ungebrochen an.

Welche Bedeutung hat das Lesen und wie verändert sich das Lesen Ihrer Meinung nach im digitalen Zeitalter? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für wissenschaftliche Bibliotheken?

Lesen eröffnet Teilhabe, erschließt einem die Welt, fördert Toleranz und Reflexionsfähigkeit und ist deswegen für alle Menschen wichtig. Es wird zunehmend schneller und kürzer gelesen wobei der Lektüremarkt, analog und digital, immer größer wird. Daraus entsteht eine Lücke zwischen dem Leseverhalten der jüngeren Studentinnen und Studenten und dem wachsenden Lektüreangebot.

Ob die Digitalisierung Lesekompetenz und Leseverhalten langfristig verändert, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen. Ich beobachte jedoch, dass Nutzerinnen und Nutzer nach wie vor hybrid, also analog und digital, rezipieren. Ich glaube deswegen, dass es auch weiterhin beide Publikationsformen geben wird. Gerade auf dem wissenschaftlichen Markt gibt es allerdings vermehrt Publikationen, die nur online zugänglich sind und sich nicht an analogen Publikationen orientieren, wie z.B. Digitale Editionen oder sogenannte „Enhanced Publications“, die modular, multimedial, interaktiv und semantisch strukturiert sind. Ein weiteres Beispiel sind wissenschaftliche Blogs oder Podcasts, die den veränderten Rezeptionsgewohnheiten entgegenkommen und stark genutzt werden. Sie sind am erfolgreichsten, wenn sie schnell und einfach verfügbar sind. Und nicht zu lang.

Für uns als wissenschaftliche Bibliothek ist es daher wichtig, das Angebot, das wir haben, auch im Netz zugänglich zu machen und das Online-Angebot zu verbessern. Denn von der Besucherin oder dem Besucher wird oft nur das genutzt, was ohne Barriere, sei es technisch oder finanziell, zugänglich ist. Was online nicht zu finden ist, gibt es für viele Nutzerinnen und Nutzer nicht. Bis 2016 war das Angebot der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek auf Datenbanken und Online-Journals beschränkt. Hier haben wir neue Akzente gesetzt und jetzt auch viele E-Books im Angebot. In den vergangenen Jahren wurde der historische Katalog retrokatalogisiert, damit ist auch unser Altbestand über den Online-Bibliothekskatalog, unseren „OPAC“, nachgewiesen und recherchierbar. Zudem wollen wir unseren analogen historischen Bestand Schritt für Schritt digital verfügbar machen. Wir führen dazu verschiedene Projekte, wie z.B. die Digitalisierung unseres historischen Kartenbestandes, durch.

Die digitalen und analogen Angebote müssen möglichst gut sichtbar miteinander vernetzt werden, um der Nutzerin bzw. dem Nutzer den Zugang zu weiterer Recherche zu erleichtern. Egal, ob sie oder er in der Niedersachsenbibliographie eine online verfügbar historische Karte von z.B. Hannover gefunden hat oder ein aktuelles E-Book lesen möchte, für das wir die Lizenz gekauft haben, beides sollte leicht gefunden werden. Vom Suchergebnis sollte direkt in den Lesemodus gewechselt werden können. Daran arbeiten wir gerademit Hochdruck.

Vielen Dank für das Gespräch!

© Fotos: Jutta Wollenberg

Die Fragen stellte Carolin Klenke

 

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