Wissenschaftliche Vorträge

In ihrem Vortrag „Lesen – Leben – Bildung“ verdeutlichte Dr. Simone C. Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen, zunächst anhand aktueller Statistiken, dass Sprach- und Lesefähigkeit wesentlich zu einer gelingenden Integration neu zugewanderter Familien beiträgt. Kitas und Schulen seien zur Förderung der Sprache zweifellos unverzichtbar, allerdings müsse eine Sprach- und Leseförderung bereits im frühkindlichen Alter einsetzen und die gesamte Familie einbeziehen. Ehmig hob an dieser Stelle insbesondere die Bedeutung des Vorlesens für die Entwicklung von Lesemotivation und -kompetenz hervor. Gleichzeitig fördere es die Kommunikation und die Bindung zwischen Eltern und Kindern. Am Beispiel des von der Stiftung Lesen durchgeführten Programms „Lesestart für Flüchtlingskinder“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung demonstrierte sie, wie neu zugewanderte Familien für das (Vor-) Lesen sensibilisiert und motiviert werden können. In Erstaufnahmeeinrichtungen erhalten Kinder bis fünf Jahre eine Lesestart-Tasche mit einem Buch und einem Informationsflyer für ihre Eltern. Die Erstaufnahmeeinrichtungen werden mit Medienboxen ausgestattet, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Ehrenamtliche geschult. „Lesestart für Flüchtlingskinder“ vermittelt darüber hinaus Möglichkeiten zur Vernetzung und zum Austausch mit Experten sowie Akteuren, die in den Kommunen für die schulische und außerschulische Betreuung der Kinder zuständig sind. Am Beispiel des Programms verwies Simone Ehmig auf die Notwendigkeit, alle Akteure in die Sprach- und Leseförderung von Familien einzubeziehen – bis hin zur Sensibilisierung der breiten Öffentlichkeit für die Bedeutung von Lesen als Voraussetzung für Bildungschancen und ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft.

 

Dr. Gabriele Rabkin vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg berichtete in ihrem Vortrag „Eltern bei der Sprachförderung aktiv beteiligen“ über ihre Erfahrungen mit dem Hamburger Family-Literacy-Projekt (FLY), das sie seit 2004 als Projektleiterin betreut und inzwischen in über 70 Schulen in Hamburg implementiert wurde. Für die Sprachkompetenz von Kindern seien Eltern die ersten und wichtigsten Lehrer. Allerdings hätten nicht alle Kinder die Möglichkeit umfangreiche Literacy-Erfahrungen in ihrem Elternhaus zu sammeln und in ihrer Entwicklung von Lesefreude, Sinn- und Textverständnis gestärkt zu werden. An dieser Stelle setze das Projekt an, denn es fördere nicht nur die Sprach- und Lesekompetenz der Kinder, sondern auch die ihrer Eltern. Anhand der drei Projekt-Phasen arbeitete sie die praktische Umsetzung von FLY heraus: Erstens, die Eltern werden in den Unterricht mit einbezogen und lernen so den Schulalltag ihrer Kinder kennen. Zweitens, parallel zum Unterricht erfolgt eine Elternarbeit ohne Kinder, um Raum zum Austausch zu geben und praktische Hinweise über das deutsche Schulsystem und die aktive Förderung der Kinder zu vermitteln. Drittens, bei gemeinsamen außerschulischen Aktivitäten wie dem Besuch einer Bibliothek oder eines Museums werden die Familien zu weiteren Literacy-Aktivitäten angeregt. Rabkin betonte, dass es besonders wichtig sei, die regelmäßige Teilnahme der Eltern einzufordern. Die Projekt-Evaluation zeige, dass sich FLY auf die gesamte Schulstruktur positiv auswirke. Schülerinnen und Schüler der an dem Projekt beteiligten Schulen erzielten deutlich höhere Lernzuwächse als Schülerinnen und Schüler aus Schulen, die nicht am FLY-Projekt teilnahmen.
Hier gelangen Sie zum FLY-Film, der 2014 zum zehnjährigen Bestehen des Projekts produziert wurde.

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