Michael Ende auf der Spur: Im Gespräch mit Birgit Dankert

Prof. em. Birigt Dankert ist Literaturwissenschaftlerin, Diplom-Bibliothekarin und Autorin. Im Vorfeld der Präsentation ihrer jüngst erschienenen Schriftsteller-Biographie „Michael Ende – Gefangen in Phantásien“ am 1. Februar 2017 in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover haben wir mit der ausgewiesenen Kinder- und Jugendbuchexpertin unter anderem über die andauernde Faszination am Leben und Werk Michael Endes und den Stellenwert von Kinder- und Jugendliteratur in den Feuilletons gesprochen.

Was begeistert Sie an Michael Ende und seinem Werk?

Mich begeistert sein gleichzeitig verschwenderischer und disziplinierter Umgang mit Sprache und Literaturtraditionen, die er auf einem ganz eigenen Ton gestimmt hat. Mich begeistert sein vorsichtiger, nicht selten zärtlicher Zugang zu allem, was Kindheit bedeutet. An Michael Ende imponiert mir die Unbeirrtheit, mit der er – trotz aller Misserfolge, Welterfolge und innerer Unsicherheit – seinen künstlerischen Idealen gefolgt ist und immer wieder neue Ansätze gemacht hat, sich seiner Ideale zu vergewissern und mit Geschichten, Liedern, Lyrik, Dramen und Libretti die Frage zu beantworten „Wer bin ich?“. Michael Ende hat über Jahrzehnte ein gutes Leben führen dürfen und er hat sie genutzt.

Haben Sie im Zuge Ihrer intensiven Recherche für die Biographie Überraschungen erlebt?

Überrascht haben mich die Freundschaft und Zuneigung, die alle befragten Weggenossen und Zeitzeugen zwanzig Jahre nach seinem Tod spüren ließen, und auch die Bereitschaft, mich mit ihnen gemeinsam an Michael Ende zu erinnern, sich noch einmal auf ihn einzulassen. Da waren weder Sentimentalität noch Marketing im Spiel, da ging es ausschließlich um eine hoch geschätzte, vermisste Persönlichkeit. Überrascht hat mich auch – obwohl ich das eigentlich hätte wissen müssen – wie intensiv Michael Endes Texte heute noch in Buch und Multimedia, auf der Bühne, in Kleinkunst, Puppenbühne, Unterricht, Bibliotheken und Lesespaß vertreten sind, wie tief seine Charaktere (Jim Knopf), Welten (Phantásien) und Sprachspiele (Der … Wunschpunsch) bei drei Lesegenerationen präsent sind – obwohl man vom Autor so gut wie gar nichts weiß.

2013 haben Sie ein Buch über Astrid Lindgren und ihren nicht immer einfachen Lebensweg geschrieben. Sehen Sie Parallelen zur Biographie Michael Endes?

Über die Parallelen und Unterschiede beider großer Genies der Kinder- und Jugendliteratur könnte man gleich das nächste Buch schreiben. Michael Ende (1929-1995) und Astrid Lindgren (1907-2002) gehörten unterschiedlichen Generationen, Bildungswelten, Kulturregionen und politischen Erfahrungsräumen an. Ihr Gesamtwerk ist geprägt von diesen Voraussetzungen. So findet man in Michael Endes phantastischen Welten keine Anklänge an die nordische Mythologie. Astrid Lindgren sind Singspiele ganz fremd. Gemeinsam ist ihnen sicher eine lebenslange Nähe zu dem Kind in sich und auch ein Instinkt zu Sprache, Bildern, Handlungsabläufen, die Kindern zugänglich und angenehm sind. Das Phantastische haben beide als künstlerische Möglichkeit begriffen und benutzt, Kindern Träume, Schönheit, Wahrheiten mitzuteilen, die sie nicht realistisch schildern wollten oder konnten. „Die Brüder Löwenherz“, die Geschichte vom Kampf um Freiheit und Würde, „Momo“, der Kinderroman vom Wert der selbstbestimmten Zeit, sind beide 1973 in einer europaweit politisierten Literaturära erschienen.

Haben Sie einen literarischen Geheimtipp für Leserinnen und Leser der Texte von Michael Ende und solche, die es werden wollen?

Für Ende-Kenner und Ende-Fans: Der Schlüsseltext zu Michael Endes Persönlichkeit, der am 24.10.1973 unter dem Titel „Meine Vorstellung“  erstmals in der Süddeutschen Zeitung erschien und nachzulesen ist in „Das große Michael Ende Buch“. Für Ende-Anfänger: Das Bilderbuch „Das Traumfresserchen“ mit den Illustrationen von Annegert Fuchshuber, das ein Singspiel wurde und unter anderem bei der Eröffnung der Kinderoper der Staatsoper Wien eine großartige Inszenierung fand.

Was muss ein Text haben, um Kinder zu begeistern? Die Werke von Michael Ende sind hierfür ja gute Beispiele.

Ein solcher Text verfügt über eine exzellente, korrekte, einfache, aber nicht simple Sprache, für die die Ende-Sammlung „Das Schnurpsenbuch“ stehen kann. Er findet Personen, Bilder, Situationen und Handlungsabläufe, die in Ernst und Heiterkeit von menschlichen Wahrheiten erzählen, auch dort, wo Tiere und Phantasiewelten als Handlungsträger gewählt werden wie zum Beispiel im Bilderbuch „Tranquilla Trampeltreu“. Der Text macht in spannender und unterhaltsamer Erzählweise mit Botschaften, Erkenntnissen und Entwicklungen vertraut, die Lebenserfahrungen der jungen Leser und Leserinnen vorbereiten, ankündigen und aufnehmen – ein Beispiel hierfür wäre das Thema der Selbstfindung in Endes „Die unendliche Geschichte“.

Sie sind nicht nur in der Wissenschaft tätig, sondern veröffentlichen auch regelmäßig Artikel und Rezensionen zu Themen der Kinder- und Jugendliteratur in der ZEIT. Wie beurteilen Sie den gegenwärtigen Stellenwert von Kinder- und Jugendliteratur in den deutschsprachigen Feuilletons?

Meine Antwort wird Ihnen wahrscheinlich nicht gefallen. Es existiert in Deutschland keine Kunstsparte für Kinder, die in einem auch nur annähernd so großen Ausmaß produziert, subventioniert, in Kindererziehung und Wissenschaft, in der Kulturszene und eben auch in den Feuilletons der großen Zeitungen berücksichtigt wird wie die Kinder- und Jugendliteratur. Die unabhängige Tages- und Wochenpresse – und davon ist hier die Rede – wird von Wirtschaftsunternehmen hergestellt. Bei aller Informationsethik, der sie sich verpflichtet fühlt, unterliegt sie Marktgesetzen und finanziert sich aus Inseraten, Verkauf und einem ständig wachsenden Nebengeschäft von verlagseigenen Produkten, darunter übrigens auch Buch- und Medienserien für Kinder und Jugendliche. Da wird sehr genau analysiert und bewertet, welche Seiten und Sparten gelesen werden, welche Inseratenaufkommen generieren, welche Artikel in den Internet-Ausgaben aufgerufen werden. Wer FAZ, Süddeutsche Zeitung, TAZ und ZEIT wegen ihres mangelnden Platzes für Kinder- und Jugendliteraturkritik kritisiert, sie aber weder kauft noch liest noch gezielt auf den Schirm aufruft, den kann ich nicht ernst nehmen. Die Kinder- und Jugendliteratur ist eine eigene Sparte geworden, hat sich in allen Bereichen von Herstellung, Vermittlung und Bewertung sozusagen selbstständig gemacht. Die Akzeptanz und Demokratisierung dieses Kinderkulturbereiches – auch die Beteiligung der eigentlichen Zielgruppe von Kindern und Jugendlichen in Zeitungen, mit Blogs, Literaturkritik-Portalen und  interaktiver Verlagskommunikation von Autoren, Lesern und Kritikern hat allerdings auch seinen Preis. Dazu gehört unter anderem die Schwierigkeit, diesen autonomen Kinderliteraturbereich wieder mit dem allgemeinen Kulturdiskurs zu verbinden. Fazit: Mit der Literaturkritik von Bilder-, Kinder- und Jugendbüchern in den großen deutschen Zeitungen können wir ganz zufrieden sein, Steigerungen sind möglich!

Wenn Sie an der Buchpräsentation mit Birgit Dankert teilnehmen möchten, können Sie sich über diesen Link dazu anmelden.

Foto Dankert und Cover: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG)
Foto Startseite: Akademie für Leseförderung Niedersachsen
 

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