Im Gespräch mit Tobias Kunze

Der hannoversche Poetry-Slammer Tobias Kunze ist Mitinitiator von „MachtWorte!“ und gibt Workshops zum Poetry-Slammen für Kinder und Jugendliche.

Wie bist Du zum Poetry Slam gekommen?

Ich habe früh eine Jugendbuchreihe gelesen, die aus Tagebüchern mit Alltags-Katastrophen bestand, und angefangen, meinen Alltag auch so übertrieben zu beschreiben. Später habe ich Rap gehört, Strophen geschrieben und die Band „Big Tune“ mitbegründet. Während meiner Zivildienstzeit stieß mich mein Chef auf den Poetry-Slam-Pionier Bas Böttcher, dessen lyrische Rap-Zeilen auch ohne Beat perfekt als Gedichte funktionierten. Daraufhin besorgte ich mir Bücher, Anthologien über Poetry Slam und Social Beat und wollte gleich so etwas veranstalten, ein „Open Mic“, um all das zusammenzubringen: Rapper, Dichter, Geschichtenerzähler. Es klappte im Herbst 2001 in einer kleinen Kneipe, und darüber lernte ich unter anderen Jan Egge Sedelies und später Henning Chadde kennen, mit denen ich bis heute zusammenarbeite und die regelmäßigen Poetry Slams in Hannover veranstalte – von der Kneipe, damals, bis ins hannoversche Opernhaus.

Poetry Slam lebt vom Spaß an der Sprache … Wie muss Sprache sein, damit sie Spaß macht und wirkt?

Sprache sollte das Gegenteil von dem sein, was beispielsweise unsere Politiker standesgemäß so absondern: hohle Phrasen, nichtssagende Worthülsen und Allgemeinplätze. Sprache sollte die Lust am Erzählen, am Formulieren, am Spiel mit den Worten zeigen und Fantasie haben.

Der Text ist nur die eine Hälfte. Was ist Dir an der Art des Vortrags besonders wichtig?

Im Grunde alles, was Vortrag ausmacht: Betonung, Lautstärke, Interpunktion, Klang, Rhythmus und Geschwindigkeit. Das Wichtigste ist, seinen Text möglichst sicher, lebendig und authentisch vortragen zu können.

Beim Poetry Slam fliegen Zettel, Worte, Fetzen. Es ist ein Wettstreit. Muss Literatur streitbar sein?

Literatur kann man eigentlich nicht bewerten. Poetry Slam tut’s trotzdem. Über Literatur kann man unendlich lange streiten, aber Hauptsache ist, dass Literatur selbst auch streiten kann.

Wie entsteht ein Poetry-Slam-Text oder Gedicht bei Dir? Wie arbeitest Du?

Meist liegt mir ein Thema zugrunde. Was wir aus den damaligen Vorstellungen von Zukunft heute gemacht haben. Oder Fleisch essen. Zum Beispiel. Oder ein Detail, das zur Metapher wird, weil ich von diesem Detail aufs große Ganze und wieder zurück schließe. Zum Beispiel die mit Laken kaschierte Ritze im Hotelbett: So viel vermeintliche Liegefläche und doch muss man sich für eine Bettseite entscheiden. Diese Ritze wird zu all den mehr oder weniger gut kaschierten oder begründeten Trennlinien in der Gesellschaft – und am Ende gibt nur eine sinnvolle Ritze: die A…ritze.

In Workshops begeisterst Du Kinder und Jugendliche fürs Slammen. Wie sieht so ein Workshop aus? Und was möchtest Du den Kindern und Jugendlichen unbedingt mitgeben?

Mein Workshop fängt damit an, dass ich mich und dann Poetry Slam vorstelle. Dann kommen kreative Lockerungsübungen, Wortspiele und schließlich Schreibaufgaben. Ich baue dabei Sprache neu auf, indem ich ganz von vorne anfange: mit dem Buchstaben und davon zum Wort, vom Wort zum Satz, vom Satz zum Vers, vom Vers zum Gedicht und vom Gedicht zum Text. Ich will erreichen, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Sprache neu begreifen und viel bewusster formulieren, aber vor allem, dass sie ihre Fantasie und Kreativität noch ganz lange bewahren.

Kinder haben schon früh Spaß an Reim und Rhythmus. Welche Altersklassen lassen sich besonders gut auf einen Poetry-Slam-Workshop ein?

Es gibt diesen „Leseknick“, in dem kaum Bücher gelesen werden. Das ist mit Schreiben ähnlich. Bis zur 7. oder 8. Klasse ist die Fantasie ausgeprägter, ab der 10. Klasse und der Sekundarstufe II ist man reicher an Ausdruck, Wortschatz und Erfahrung. Dazwischen ist es etwas schwieriger, weil die Konzentration am kürzesten ist und die größten Hemmungen bestehen, vor anderen zu lesen und zu dichten.

Bekommst Du auch Feedback von den Lehrkräften? Ich kann mir vorstellen, dass sie den einen oder die andere aus ihrer Klasse von einer ganz neuen Seite kennenlernen!

Ja, manchmal staunen die darüber, dass die Klassenclowns plötzlich konzentriert dichten, dass „Mauerblümchen“ plötzlich die lautesten, stärksten Texte auf die Bühne bringen und die „Maulhelden“ ganz leise und selbstreflektiert werden. Generell freuen sie sich aber immer über meine Workshopinhalte und Wortspiele, denn die gibt es zu großen Teilen (noch) nicht als Lehrmaterial.

Hast Du einen ehemaligen Workshopteilnehmer oder eine -teilnehmerin schon einmal auf der Bühne wiedergesehen?

Ja, durchaus, aber selten, weil für die meisten die Schreib- und Auftrittserfahrung in der mit Leistungszwängen gespickten Schulzeit wieder untergeht. Tendenziell finden zwei oder drei Schülerinnen und Schüler pro Klasse später ohnehin zum Schreiben. Die meisten Talente finden aber immer noch per Zufall zum Slam; umso länger bleiben sie dabei. Wie ich.

Lieber Tobias Kunze, wir danken Dir herzlich für das Interview.

 

Fotos: Dagmar Schmidt und Lothar Berwein

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